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Flurnamen des Waldes

Alfred Huggenberger versetzt uns an den Waldrand im Abendsonnenschein durch sein "Waldmärchen":

Viel liebe Wunder birgt der Wald,
doch keines, das mich so hold betört
wie eines Vögleins Schlummerlied,
dem nichts den Abendfrieden stört!

Schon ist ihm wie im Traum entrückt
der laute Tag mit Glück und Not.
Leis zittert um sein Laubversteck
der Sonne letztes, blasses Rot.

Und reiner, süsser quillt der Sang,
indess gemach das Gold zerrinnt.
Die kleine Seele lauscht verzückt
dem Märchen das sie selber spinnt.

Der Wald spielt bei uns in Dörflingen in mehrfacher Hinsicht eine grosse Rolle. Man braucht bloss vor dem Dorf draussen sich umzusehen, so leuchtet das ein. Wohin der Blick sich wenden mag, ringsum nah und fern grüsst uns das schöne, satte, helle oder dunkle Grün des Waldes. Und jeder Weg, auf dein wir ausziehen, nach Ramsen oder Randegg oder Buch oder Bietingen, nach Thayngen oder Herblingen, führt uns bald in grünen Wald. Nur die Landstrasse zur Hauptstadt nicht; aber da liegt uns der nahe waldige Kolfirst wenigstens im Auge bis zuletzt.

Wir Einwohner Dörflingens, jung und alt, kennen mehr oder weniger gut die Wohltat und den Reiz des Waldes, jedes auf seine Weise. So unsere Buben, die an den langen Sonntag - Nachmittagen zwischen Lichtmess und Martini dem Zauber des Waldes meist lärmend unterliegen, wenn er rauscht mit gewaltigen Zweigen, die alle zum Grusse sich neigen im grünen grünen Wald - hallo! hallo! So die Mädchen, die zu zweien oder dreien dem Drange sanfterer Gefühle gehorchen, indem sie, lieblich unter sich Freundschaft pflegend, den Wald durchstreifen, Heimatlieder singend und einen Strauss auf die Kommode daheim pflückend. Es gibt auch auf jeder Altersstufe solche, die der Einsamkeit bedürfen, werktags aber damit zu kurz kommen und dann sonntags auf entlegenen Waldwegen zu ihrem Rechte kommen. Grosse Gabe ist uns gegeben mit unserm Dörflinger Wald! und das beste daran ist, dass seine Schönheit allen gehört und dass er für alle ganz gleich offen ist. Nützen wir die Gabe, dass wir da Gottfried Keller wenig Recht geben zu seinem Spruch, Am offnen Paradiesgarten geht der Mensch gleichgiltig vorüber; erst wenn die Tür geschlossen ist, möcht' er hinein!

Neben die ideellen, ästhetischen und ethischen Werte unseres Waldes, auf die man leicht zu wenig achtet, tritt noch eine Reihe andersartiger Werte, so der unschätzbar wohltätige Einfluss des Waldes auf unsere Atmosphäre, unsere Lebensluft. Einen weltberühmten Prediger hörte ich einst ausrufen: Nächst Gottes Gnade ist der Sauerstoff das beste Ding auf Erden! Wie oft schon habe ich, mit Waldluft meine Lungen vollpumpend, diesem Glaubenssatz aufrichtig zugestimmt. Wir werden auch an die grosse Bedeutung unseres Waldes für die Wasserwirtschaft auf unserer gesamten Flur denken, und natürlich auch an die tragende ökonomische Bedeutung unseres Waldes im Haushalt unserer Gemeinde. Zur Orientierung hierüber können uns folgende paar Zahlen dienen:

Gemeinde - Gut Ausgaben:

1893
Fr. 13604.-
1923
Fr. 44645.-
1943
Fr. 117404.-

Aus Forstwesen Einnahmen:

1893
Fr. 5 775.-
1923
Fr. 58 668.-
1943
Fr. 28 723.-

Trotz alledem ist unser Wald durch all die Jahrhunderte herauf nach seinem Wesen und Wert zuwenig geschätzt und zu viel nur genutzt worden. Er war nur der grosse Holzschopf für jedermann, in dem jeder nach Möglichkeit mit Beil und Säge holen ging, was er an Hölzernem bedurfte. Und daneben war er ein Hauptstück des Weidelandes der Gemeindeherde, dazu auch der privaten Vierfüsser. Die lebenden Eichen und Buchen waren freilich den Leuten zum Leben unentbehrlich, weil sie - Speck und Schinken haben wollten, also auch Bucheln und Eicheln haben mussten, und das tote Buchen- und Eichenholz wusste man zu schätzen und sparte es nicht. Man hatte also keinen Grund, ihnen nach dem Leben zu trachten und so wurden die Bäume oft herrlich stark und gross. Deshalb lobten mit Recht unsere Alten ihre Vorfahren, diese haben noch gewusst, wie man mit den starken Eichen umgehen soll, nämlich wie mit grossen Herren. An denen schaut man staunend hinauf, lüpft die Kappe und lässt sie stehen, Es kamen dann aber Zeiten, da man es anders machte, wenigstens mit den Eichen! Eine geliebte Kostbarkeit lieferte dazu der Wald allen armen Leuten, und von uns aus gesehen gehörten die meisten Einwohner unseres Dorfes jahrhundertelang zu diesen. Nämlich in den gefürchteten hungrigen sieben Wochen vor der Ernte jedes Jahres waren die gedörrten Holzäpfel und Holzbirnen immer ein guter Trost auf den Mittagstischen, auf denen eben das Brot und die Erdäpfel damals noch ganz fehlten,
Vor etwa 150 Jahren, bald nach dem Jahr 1800, drängte sich eine höhere Wertung des Waldes bei uns unausweichlich auf. Die argen Schädigungen und Nöte der Kriegszeit von 1798 bis 1813, dazu der grosse Geldmangel jener Zeit zwangen dazu, auf den Wald zu greifen und an ihm sich ökonomisch zu erholen; daneben wurde der Hunger nach Freiheit, nach Erneuerung und Erweiterung immer spürbarer. Er äusserte sich in Baulust, man getraute sich bei uns ausserhalb des Dorfeiters an der Landstrasse Häuser zu bauen, kurz es wurde vieles für unsern Wald lebensgefährlich. Die Regierung kam der Gemeindebehörde zuhilfe und gab im Jahre 1813 "Weisung, wie es mit dem Wald zu halten sei, damit es bis in 10 Jahren bessere". Und 1821 stellte er eine ausführliche Holzordnung auf mit genauer Festsetzung von erlaubter und unerlaubter Nutzung, von Preisen und von Bussen. "Der Holzforster soll sich nur fleissig an einen der beiden Forstmeister halten." Man hielt sich daran und erfuhr nun, wie schwer es hält, alte Missbräuche abzuschaffen. Der normale Bürger von damals sagte sich, man hat doch bisher immer holen dürfen, was man braucht, und man muss doch etwas davon haben, dass man Burger ist. Ich hol etz afach dia Stanga, dä Tromma, dia Nescht und zale drno alefals mi Buess - es rendiert dänn no lang!

Steht man heute nicht total anders zum Wald als vor 100 oder 150 Jahren? Und es ist zu erwarten, dass die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Kriegsjahre bis in den hintersten Winkel unseres Landes hinein Verständnis, Liebe und Sorge, nicht nur für "üse Holz", sondern für den schweizerischen Wald wecken werden. Rund 1 Million Hektaren sei er gross, der Schweizerwald, und liefere fast 3 Millionen Ster per Jahr, halb Nutzholz, halb Brennholz. Das reichte aber neuerdings bei weitem nicht für den Bedarf. So wurden denn 1939 noch 400 000 Ster eingeführt, Aber der Krieg machte der Einfuhr ein Ende. So mussten denn 1942 5 Millionen Ster geschlagen werden, 1943 noch mehr, und dann wie weiter?! Glücklicherweise hat die Bundesverfassung von 1874 dem Bund das Recht der Oberaufsicht über die Forst- und Wasserbaupolizei im Hochgebirge zuerkannt. Dieses Recht konnte durch eine Revision 1897 so erweitert werden, dass 1902 ein vorzügliches schweizerisches Forstgesetz erscheinen konnte. Dessen Art. 31 - Das Waldareal der Schweiz soll nicht vermindert werden - wird unserem Forstwesen noch manche Rätsel und Aufgaben stellen, weil er offenbar sich in den Weg stellt dem unabweisbar steigenden Holzbedarf, wie auch den unabweislichen Forderungen des Mehranbaues, dazu auch der unübersehbar folgenreichen Tatsache, dass das Holz "der Schlüsselrohstoff der Zukunft" zu sein scheint, denn, man sehe doch nur: aus Holz will die Chemie nicht nur Zucker und Sprit, nicht nur Kunstseide und Kunstwolle, nicht nur Papier und Viehkraftfutter, nicht nur Sprengstoffe und Baustoffe, sondern wahrscheinlich noch vieles andere machen! Nun, das alles soll der Wertschätzung und Pflege unseres Waldes zugute kommen und das Wort des alten Griechen wird sich einmal mehr erwahren: Der Krieg ist ein Vater aller Dinge!

Noch einige Zahlen zum Schweizer, Schaffhauser und Dörflinger Wald! Der Schweizer Wald: 1 Million ha gross, 3/4 in Alpen und Jura, jährliche Nutzung 3 Millionen m3, zu 5% Staats-, 67% Gemeinde- und 28% Privatwald, Vorkriegswert 100 Mill. Fr., 45 Mill. Fr. Arbeitslöhne zur Winterszeit. Der Schaffhauser Wald: Staatswald 2506 ha, Gemeindewald 8367 ha, Privatwald 1853 ha. Reine Waldfläche 2437 ha. Für 1943: Holzernte 21704 m3, Uebernutzung 8000 m3.

Einnahmen 811270
Ausgaben 620570
Reinertrag 190700 Fr.
pro ha: 324
248
76 Fr.

 

Dörflinger Gemeindewald: Waldfläche 120,91 ha. 1943: Hieb 335 m3 Stammholz, 598 m3 Scheiter, 17600 Wellen. Pflanzen 7800 versetzt, 2500 verschult. Forstreserve 35842 Fr.

Einnahmen 39500
Ausgaben 11000
Reinertrag 28500 Fr.
pro ha: 330
93
237 Fr.

 

Zu Eingang folge hier die Zusammenstellung der "Waldkomplexe der Gemeinde Dörflingen" nach offizieller Liste im Jahre 1896. Die Namen sind von oben nach unten zu lesen, sie ergeben dann die Lage der Waldstücke von West nach Ost. (Die Namen Speckacker, Storchennest, Funkterain und Haselrichte sind in anderem Zusammenhang erklärt.)

 

Gichtbühl Wannerain Plenteren Seebuck
Hexenthal Egg Ratzengrub Haselrichte
Gemeindeacker Hengstacker Todtenmann Seeacker
Kirchhölzli Speckacker Kessel Storchennest
Dachslöcherhau Bachteli Kachenthal Landenberger
Weiherhau Winterhalde Kreuzbuchhäuli Oberholz
Seelihau     Funkterain

 

Wir beginnen mit Nummer 1 im Grundbuch wie im Gemeindebann:

i dr Egg. Sonderbar, dass wir in unserer Mundart sagen können der und die und das Egg(e). Das Eck bezeichnete einst ein verdächtig kitzliges, eckiges Ding, nämlich die Spitze des breiten Schwertes. Darum gibt es mehr als 30 altdeutsche Männernamen, mit Eck zusammengesetzt; der bekannteste unter ihnen ist Eckhart, der Schwertstarke. Zum Dreieck fügt sich dreimal ein Eck ans andere, Springt das Eck ein, so sagen wir der Egg(e), en stille - n - Egge, ein süsser Winkel. Springt der Winkel vor, so sagen wir das Egg, es Husegg. Sagen wir die Egg, so ist damit nicht die Ecke gemeint, auch nicht die Egge, sondern es ist unser Waldrevier Nr. 1 gemeint. Es äussert sich in diesem "die" eine seelische Feinheit unserer Mundart, für welche wir noch einige Beispiele finden werden, wie i dr Bregezze, uff dr Bette, under dr Malehe. Wo die Mundart nicht weiss, ob sie bei Flurnamen der oder die oder das sagen müsse, sagt sie sicher die, indem sie hinter dem Namen die mütterlich gebende, bergende gütige Natur und Erde sieht. Unsere Egg ist ein höchst ehrenwerter massiver Eckpfeiler, nicht bloss unseres Gemeindebannes, sondern auch unseres Gemeindegutes. Und das ist seit langem so. Als z. B, in schwerbedrängter Zeit, im Jahre 1605, die Gemeinde um grossen Schaden ze vermyden 1000 Gulden Schaffh. Wäring entlehnte, gab sie als Pfand das Holtz mit namen die Egg und bannen Rein, ungever die Einhundert Jucharten gross, und so daran nit gnugsam were, all ander unsre güeter. Seit bald anderthalb Jahrtausenden gehört sie unverändert allen Gemeindegenossen ganz gleich! Ehre, dem Ehre gebührt - Ehre unserer Egg!

Vor die Egg legt sich der Banerá, 1554: bannen Rain. Bei der Urbaraufnahme widerstrebte es dem Stadtschreiber, das fabelhafte Wort Banera hinzuschreiben. Er schrieb dafür bannen Rain im Sinne von b' bannten Rain. Dafür hätten aber die Dörflinger sicher gesagt Bantera, so gewiss sie sagten b'brännts (Wasser). Banera ist vielmehr Bannrain in bequemer nachlässiger Aussprache. In Merishausen sagen sie Bannhalde, in der Urschweiz haben sie da und dort einen Bannwald, aus dem weder grünes, noch dürres Holz getragen werden darf, weil er ein Schutzwald ist für Weg und Steg, für Haus und Hütte. Ein Bann liegt darauf. Der alte, durch und durch genossenschaftliche Feldbau hatte es, von uns aus gesehen, die wir gern übertrieben individualistisch denken und wirtschaften, viel mit Zwing und Bann, mit Zwang und Verbot zu tun. Auf Martini z. B. wurde die Kornzelg gebannt, der Hag darum geschlossen, das Betreten verboten und wer dann noch nicht angesät hatte, der brauchte übers Jahr kein Brot zu essen. So war diese schöne Holzhalde gebannt, vielleicht um ihrer Steilheit willen ein Rain des immerwährenden Bannes, dem Vieh und dem Holz zulieb für den Weidgang ein für allemal geschlossen und verboten. Der Hirt hatte also streng darauf zu achten, dass die Herde da nicht hineinlief, umsomehr als auch der Postweg Schaffhausen - Randegg usw. dort lag.

An den Banera fügt sich das grosse Waldrevier der Pläntere, 1554: under der Blänteren am weg gen Lon. Es wäre richtiger zu sagen im Plänter; aber die Volksseele liebt das weichere d i e Pläntere, gleich wie die Egg. Hier wurde vermutlich zum erstenmal auf Dörflinger Boden das Plentern angewandt, das jetzt im Forstwesen allgemein üblich ist, wie das die Landi 1939 mit viel Liebe gezeigt hat. Der ursprüngliche und einst allgemein übliche Holzhieb war der, dass man ein Stück Wald rübis und stübis zu Boden legte, durch Kahlschlag einfach abräumte. Eine naturgemässere, viel feinere und dazu rentablere Weise, den Wald zu bewirtschaften, ist das Plentern. Der Plenterwald fasst in sich Laubholz und Nadelholz, und zwar in Gewächsen vom einjährigen Schössling bis zum hundertjährigen Riesen. Der Aushieb erstreckt sich jedes Jahr auf ein ganzes Revier und behält das beständige ungestörte Wachstum des Ganzen im Auge. Und eben darum wird geplentert, wie der Forstmann sagt, d. h. nur die Blender, das sind die Licht hindernden Pflanzen und Pflanzenteile werden entfernt. Dem Liebhaber des Waldes ist das oft sehr unsympathisch, weil manche geliebte Gebüsch- oder Baumgruppe so immer wieder verändert wird. Aber er schickt sich darein, weil er einsieht, dass durch ein kluges Plentern das Licht und die Luft, das Wasser und die Wärme am gleichmässigsten dem ganzen Wald und allen seinen Kindern zugute kommen. Kennen wir diese Methode nicht auch anderswoher? Die Gemeinde der Lebenden gleicht einem kleinen Plenterwald, und der Knochenmann kennt sein Gehölze genau und behält es ständig im Auge. Alljährlich holt er sich daraus sein Teil. Nicht wahllos, sondern wie er als quasi Forstmeister es für gut findet, da junges kränkliches, aber auch strammes Unterholz, dort Moosbewachsene, krummgewordene Stämme. Hüte dich, du fröhlich wachsendes Jungholz; denke daran, du weithin schattender Baum!

Die Pläntere läuft aus im tote Ma. 1554, 3 Juch. holz und veldt bim toten man. Schon im Jahre 1554 wird kein Mensch mehr gewusst haben, warum der ein wenig schreckhafte Name an dieser Flur hafte. Es war vielleicht so, dass einmal vor vielen Jahren dort eines Morgens ein landfremder Mann mit eingeschlagener Schläfe in einer Blutlache gefunden wurde, und dieser Fund war gerade das Tüpflein auf das i, das dort noch gefehlt hatte. Des Erschlagenen arme Seele konnte keine Ruhe finden und irrte nun dort umher. Vielleicht auch ist nie so etwas dort passiert, sondern eine einfache abergläubische Furcht witterte dort Unheil und sah Gespenster und das Spiel von Nebelfetzen aus dem Zwing herauf half dabei mit. Denn nicht wahr, dort hinten nimmt das Feld, das vertraute bebaute Land, auf einmal ein Ende? Weit hinter dem einsamen Wanderer, längst nicht mehr sichtbar, liegen die Wohnungen der Menschen, und nun verschlingt ihn der schweigende dunkelnde lauernde Wald? Wie unheimlich wie leicht könnte da aus dem Gebüsch heraus einer über ihn herfallen! Er geht zwar wohlbedacht in der Mitte des Weges und stärkt sein Hasenherz, so gut er weiss. Aber wenn jetzt neben ihm plötzlich ein Rehbock in den Wald hineinsetzt, dann packt den Wanderer kalter Graus, der Herzschlag stockt und die Haare sträuben sich. Ja, am Tag, und gar zu zweit wandert sich's schön im lichten grünen Wald, aber wenn es dunkelt, und ganz allein?! Da sieht man wieder einmal, wie leicht die Dinge so aussehen, wie man sie ansieht! Wir aber sollen uns glücklich schätzen, dass wir uns einer derartigen öffentlichen Sicherheit erfreuen, wie sie bis vor 100 Jahren in unserer Gegend einfach für unmöglich gehalten werden musste.

Draussen unterm Banera liegt noch eine andere Flur mit schreckhaftem Namen, das Hexetal, 1554, im hätzgentall. Wir nennen einen freundlichen, von zwei Waldstreifen eingefassten Streifen Ackerlandes so, unterm Gmandacker gelegen. Das stimmt mit Natur und Geschichte nicht recht überein. Vor 300 Jahren dagegen passte der Name noch zur Flur. Die ganz ausgezeichnet geschickte und getreue zürcherische Kantonskarte von Hans Conrad Gyger, 1667, nämlich, die nur wenige Flurnamen anführt, bezeichnet als Hexenthal jenen eingeschlossenen abfallenden Waldwinkel, der heute Wolfhag, Schluch, Tole und Hexetal umfasst. Das ist, wie man sofort sieht, ein eigenartiger eingeschlossener Winkel, den man nicht ohne Befremden wahrnehmen kann. Das neue, vollkommen schöne Kunststrässchen muss man sich wegdenken; noch 1667 führte der Weg nach Gennersbrunn unter dem Birchbüel durch über die Wiesen. Für Dörflingen war die Flur fast weglos, fast ringsum von Wald eingeschlossen von der beholzten Tolerüti an bis zum Ende des heutigen Hexetalholzes, mit freiem Ausblick nur über die heutigen Tolewiesen weg, wahrlich, eine ganz unheimlich abgeschlossene, verlorene finstere Gegend, gerade recht für Hexen! Hexen? Hätzgen? Für uns aufgeklärte Menschen des 20. Jahrhunderts leben ja die Hexen s. z. s. auch noch. Freilich nur noch in einigen fröhlichen Redensarten, wie: Du tusigs Hexli! Die alt Hex! Ich mach jo, wa-n-i cha, ka Hex cha meh! Bloss Geschwindigkeit, ka Hexerei! Higsi Hagsi hinder em Hag, nimm mir au min Higser ab! Für die Dörflinger vom Jahr 1554 dagegen waren die Hexen noch fürchterlich lebendig, obwohl sie nur in einem damals herrschenden, ansteckenden, bös verirrten Glaubenswahn existierten. In ihrer erbarmenswürdigen Unkenntnis der Natur konnten unsere Vorfahren von damals dem Hexenwahn fast nicht entgehen. Ging etwas glatt wie gehext oder zwäris wie verhext, flog einen ein Missgeschick an wie ein Hexenschuss, kam Gewitterschaden trotz heftigen Betens, erkrankte im Stall schon wieder ein Stück trotz frommer Schutzmittel, dann konnte das doch nicht mit rechten Dingen zugehen, sondern eben - mit lätzen! Da musste doch der Teufel dahinter stechen und zwar durch eine seiner Handlangerinnen in der Nachbarschaft. Und jetzt kam das schlimme Ende, die Frage. Wer ist's? wo ist die Hex? Dann war schlimmste Zeit im Dörflein, wenn wieder einmal diese Frage in der Luft hing, wenn die Frauen einander argwöhnisch beluxten, wer etwas zu tun habe in der Richtung Hexetal! Wenn die Männer die Frauen und Mädchen des Dorfes in Gedanken scharf musterten, mehr als nur halb des Glaubens. Be üs gäbid acht Wiber au vier Par Wibervolch, wenn nid - ani vonene e Hex wär! weles ischi? disäb oder disäb? mi Frou nid! d'Hexe hejid wiissi Chnü! Und auf dem Gennersbrunner Weg pflegte man in solcher Zeit regelmässig Hexen zu vieren oder mehr beisammen zu sehen, dort oben am Schluch, in lange graue Hemden gekleidet und auf Besenstielen reitend.
An Stelle dieser kulturgeschichtlich wohl begründeten Erklärung unseres Flurnamens kann auch folgende Erklärung treten, die nichts zu tun hat mit dem beschämenden Hexenwahn des 15. -18. Jahrhunderts, und die Tatsache, dass sonst kein einziger Flurname im ganzen Kanton an jenen Teufels - und Hexenaberglauben erinnert, gestattet die Annahme, dass dieser Glaube eigentlich mehr eine theologische und juristische Verirrtheit und dem Volke im Ernst fremd geblieben sei. Unser verlorener, verschlossener Waldwinkel mit dem sehr auffälligen Namen hat es dann mit einer von jenen höchst achtungswerten echten Hexen zu tun aus der Zeit, da das Christentum der fränkischen Kirche in unserm Lande ganz heimisch geworden war (Kloster Reichenau im Jahre 724, Konstanz ein Bischofssitz) und niemand mehr ein Unchrist sein wollte. Sie war eine alleinstehende, hervorragend begabte Frau, allen Rat und Hilfe Suchenden ohne Unterschied eine helfende Schwester und Mutter, aber am überkommenen Glauben an Wuotan und Donar, an Fro und Freja hielt sie unbedingt fest. Dass das Christentum eine geistige Religion sei, empfand sie als einen grossen Vorzug und die Worte Jesu waren für sie reiche Gabe. Aber die vielen Worte bei der neuen Frömmigkeit und die vielen sonderbaren Geschichten und Glaubenssätze und Gebräuche schienen ihr das Göttliche ganz und gar zu vertreiben. Ihre Religion war durchaus Gefühl für die Gegenwart des lebendigen, gerechten und gütigen Schöpfergottes. Gott der Herr ist Sonne und Schild - das war ihre Religion. Ihre getauften Volksgenossen spürten sehr wohl die echte Frömmigkeit dieser starken, freien Frauenseele und jedesmal, wenn sie das Holzkirchlein auf dem Kilchenbuck verliessen, schauten sie mit schlechtem Gewissen dort hinüber, wo, wie sie wohl wussten, jetzt die Waldfrau, die Einsiedlerin, mit scharfem Aug herüberschaute. Doch sie hatten das Gefühl, dass sie einer neuen Zeit angehörten, und blieben, was sie waren. Die Waldfrau aber, die Hagzisse, später Hekse, hielten sie in hohen Ehren, so dass ihr Andenken nicht mit ihr erlosch, sondern nun schon elf Jahrhunderte hindurch ehrend an jenem Waldwinkel haftet.

An den Tote Ma schliesst sich der Kessel und der Seebuck mit Weier und Riet.
Unser Riet liegt inmitten einer landschaftlich reizvollen ovalen Mulde von 1 und 1 1/2km Durchmesser. Der Einlauf dieser Mulde liegt zwischen dem Seebuck und dem Dachslöcherhau etwa 475 m ü. M. und der Auslauf 50 m tiefer am tiefsten Punkt zwischen Birchbüel und Romebuck. Wir wissen ja, dass die Wasser unsere Flur gebracht und auch geformt haben; wo sind sie jetzt, die Wasser und die Wasserläufe? Wo ist der See, der zum Seebuck gehört? Als vor 1 1/2 Jahrtausenden die Alamannen dies Land endgültig genommen hatten und, sagen wir im Jahre 444, von der Höhe des heutigen Seebucks, 490 m. ü. M., sich umschauten, da sahen sie gegen Süden über ein hübsches Seebecken hinweg. Die Wasser füllten die erwähnte ovale Mulde, denn das südliche Ufer wurde durch die starke Gletschermoräne gebildet, die vom Gisbüel zum Birchbüel und weiter über den Grundbuck zur Pläntere lief. Der heutige sog. Weier zunächst am Seebuck war damals ein niedlicher, tiefer Waldsee, der mit zwei Armen zur Bachtheli und zum Seeli hinaufreichte, An beiden Enden sprang ein Bach hinein und der Abfluss dieses Waldsees hüpfte über die feste, hohe Verbindung von Seebuck und Dachslöcherhau hinunter. 1444 war das Bild der Flur ziemlich stark verändert. Der kleine Waldsee war zum Weier geworden, zum wiwarium, wie die Römer einen Teich nannten, darin allerlei Lebendiges wimmelte, und der Umfang des grossen Seebeckens war viel kleiner geworden. Garbischbol und Buck standen im Trockenen, die Platte und der Morgen waren Ackerland. Der See selber war grossenteils Sumpf geworden, ein grosser Weier mit einem kleinen Rietsee da, wo er am tiefsten war. Die Verlandung hatte von Jahrhundert zu Jahrhundert schnellere Fortschritte gemacht, denn die paar kleinen alten Wasserläufe, die vom Gailingerberg her in Weier und Riet einmündeten und sie durchflossen, brachten beständig, Tag und Nacht, jahraus jahrein Erde mit sich und bildeten fortwährend sogenanntes Moorland. Aber 1535 heisst es noch in einem Bericht über Rodungen: zum See 5 Jucharten u. s. f.
1644 ist der einstige kleine Waldsee grössernteils Streue- und Wiesland geworden, von einem breiten Wassergraben durchzogen. Wo der Moorboden am tiefsten ist, hat das Dorf sein Gemüseland angelegt, genannt im Weier, 3 Mahd Wiesland sind es schon und das Kloster Katrinental als Zehntherr ist so grossmütig, diese 3 Jucharten für zehntfrei zu erklären, aber drei Schilling Haller müssten doch statt des Zehntens entrichtet werden. Der grosse Weier aber ist schon stark versumpft und im Jahre.
1690 ist die Rede von 15 Jucharten Weierwiese. Das Kloster machte darüber aus, dass die Gemeinde davon keinen Zehnten aufstellen müsse, falls sie den Boden als Weier oder Weideland belasse; wenn sie dagegen darauf heue oder etwas anbaue, so sei der richtige Zehnten dafür zu entrichten.
1844 wissen schon viele Leute nicht mehr, weshalb eine Flur "im Weiergässli" heisst und die alte Rietfurt auf dem Herblingerweg ist sozusagen verschwunden, ebenso der Speck, d. h, der Prügelweg unter der Pläntere. Nur das Knollenbrüggli an der tiefsten und blödesten Stelle des Gennersbrunnerweges im Weiergässli tut zu Zeiten noch seinen Dienst.
1944 - ein total anderes Bild! Die Naturwissenschaft ist aufgewacht und hat den Bauer gelehrt, zu seinem Nutzen die Natur nach ihren Notwendigkeiten und Wünschen zu fragen.
Bisher hatte man von den Gegebenheiten in der Natur gesagt: Es ist nun einmal so, wie es ist, und es wird so sein müssen! und wenn es dir so nicht gefällt, so stecke einen Stecken dazu, dann weisst du auch, was dem müssigen Frager gehört! Jetzt endlich aber sah man allmählich die Natur natürlich. Und seit im Jahre 1811 Konrad Escher von der Linth den Wassern der Linth den Meister gezeigt hatte, gedachte man im wasserreichen Schweizerland nach und nach an tausend Stellen, sein Beispiel nachzuahmen. Viele, viele Millionen Schweizerfranken waren seither aufgewendet worden, um in kleinen und grossen Drainage - Unternehmen den Wassern den rechten Weg zu weisen, zum Segen der fruchtbaren Schweizererde, als 1918 / 1920 auch die Dörflinger, unterstützt von Kanton und Bund, im rechten gemeinnützigen Sinn unter Aufwand von Franken 144000.- den Wassern vom Seebuck den rechten Weg wiesen, und 1944 soll auch dies Werk zu einem segenbringenden und rühmlichen Ende geführt werden.

Ein anderes Waldrevier, mit dem Seebuck in engstem innerem Zusammenhang stehend, ist die Bachtheli, 1535: Bachtelli.
Mit dem Bach ist der einst oberirdische, jetzt aber grösstenteils unterirdische Wasserlauf gemeint, der seit Jahrtausenden die Wasser vom nordwestlichen Hang des Gailingerberges durch Weier und Riet in den Rhein leitet. Aber wo ist die Theli? Wer auf der angenehmen Strasse Dörflingen - Randegg die Höhe diesseits der Grenze erreicht hat, etwa 493 m ü, M" sieht ein paar hundert Meter vor sich den grünen Grenzwall, den es noch zu übersteigen gilt, um in den Hegau zu gelangen. Am Fusse dieses Walles sieht er mit Verwunderung ein munteres Bächlein durch das kleine Waldtal eilen. Er kann nicht anders: Freudig überrascht schaut er ihm nach, lauscht auf das musikalische Murmeln und späht durch die Tannen rechter Hand, wo die liebliche Ueberraschung herkomme und versteht alsbald, dass einige Meter im Boden drin ein richtiger Bach seinen Weg habe.
Diesem freundlichen Erlebnis ungefähr aller, die hier durchgehen, verdankt dies Waldrevier den Namen Bachtäli, aber in der leichten Variation Bachtheli, denn Bachtäli mit zwei betonten Silben ist ein allzu schwerfälliges Wort. Die Sprache wusste sich zu helfen, indem sie den Ton von der ersten auf die zweite Silbe schob und diese kurz aussprach: Bachteli. Aber wie soll man das schreiben? Der Stadtschreiber von Diessenhofen schrieb 1554 bachtelli, als ob er gewusst hätte, dass althochdeutsch tellin das Tälchen hiess. Er hätte auch bachtheli schreiben können. Der Ingenieur Roemer schreibt in seiner Bannskizze noch 1771 bachtelli. Der Siegfriedatlas schrieb etwa 1871 ganz sinnlos Bachthiele, und unser Vermessungsamt korrigierte das in Bachdiele. Da war wenigstens ein Sinn dabei, freilich ein total schiefer, denn bei uns zulande ist eine Diele eine Zimmerdecke. Ueber der Grenze drüben aber wurde daraus das gelehrt klingende und ganz sinnlose Wort Partellen, und nun heisst sogar die Waldhöhe über Randegg so. Du gutes stilles Bachtäli!

Gehen wir über zu zwei weiteren einander benachbarten Waldrevieren. Da ist zunächst das Chachedal, 1554: kachadal.
Es handelt sich hier keineswegs um ein richtiges Tal, eher um eine breite, tiefe Runse am waldigen Hang über der Puläjen. Doch die Kachen nahmen diese von jeher für ihr Tal und liefern damit ein erstaunliches Beispiel dafür, wie die Natur sich selber treu bleibt. Nämlich schon im Jahre 1554 war dieser Flurname wahrscheinlich alt, und damals schon hatten die Kachen, die Hätzeln, wie wir sie nennen, die Eichelhäher wie sie im Buch heissen, noch immer eine Vorliebe für dieses Waldrevier.
Und 350 Jahre später, etwa im Jahre 1900 war es, dass ich im Vorsommer mit Verwunderung sah, wie nicht weniger als 13 Kachen mit- und hintereinander von einem Raubzuge in ihr Chachedal zurückkehrten. Sie hatten offenbar gute Beute gemacht an reifenden Kirschen und an Singvögelbrut um Neudörflingen herum, daher das Triumphgeschrei der gefrässigen klugen Vögel, Ich dachte mir dann, diese Kachen vom Jahrgang 1900 seien sicher Nachkommen der dortigen Kachen von anno 1500 und anno 1000. Sie hatten im Chachedal wirklich ihre angestammte Heimat, ähnlich oder noch mehr als wie die Menschen in jenen Häusern als Nachkommen ihrer Vorfahren vom Jahr 1500 dort ihre Heimat haben. Und nun stellte sich mir die Frage: Welche Nachkommen stellen sich heute besser als einst, die vom Chachedal oder die vom Hinterdorf und Ausserdorf? Neudörflingen als ganz junge Siedelung kommt hier nicht in Frage. Die Antwort ist nicht zweifelhaft. Die Hätzeln sind ohne Zweifel schlimmer dran. Sie können mit Recht sagen: Die Zeiten werden immer schlimmer. Weil die Häher als Rabenvögel Allesfresser sind, geht ihnen zwar die Nahrung nie aus. Aber ob den Fortschritten der Landwirtschaft schüttelt gegenwärtig der alte Kach zugleich mit anderer Tierwelt sein Haupt, "Freilich, mannigfaltigere, reichlichere und bessere Früchte auf Aeckern, Wiesen und Bäumen, und auch neue, schmackhafte Sorten von Ungeziefer über und unter der Erde, die sind da. Aber - du gute alte Zeit, wohin bist du verschwunden? Wo sind die einst massenhaft wachsenden Holzäpfel, Holzbirnen, Wildkirschen, die wir mit den Menschen teilten, hingekommen? Und jetzt wollen die Menschen alles allein! Man findet ja 'bald nicht einmal mehr Eicheln und Bucheln! Und die unendlich vielen Beerensträucher an den Waldrändern und im Wald drin, und die langen, breiten Weingärten an den Halden, sie sind alle weg! Und die fast nimmer aufhörende Singvögelbrut in den Hecken und Büschen, in Feld und Wald und auf allen Bölern! Damit ist es leider längst zu Ende. Wo ist denn auf allem Dörflingerfeld noch ein ordentlich Gebüsch?" - Der Kach hat Ursache, sich Sorgen zu machen, und der Mensch? Im Jahre 1500 stand er den Kachen viel näher als heut. Nicht nur in Lebensweise und Nahrung, sondern auch im Fühlen und Denken. Im Jahre 1900 aber ist er weit von ihm abgerückt. Was ein Kach ist, bleibt eben ein Kach. Der Mensch aber wird bei aller Naturgebundenheit, die auch für ihn gilt, teilnehmen an einem Fortschreiten und Sichentwickeln, denn Mensch sein heisst teilnehmen an einem Geistiger- und Freier- weiden und damit an einem Besserwerden und Es - besser - haben.

Unter dem Chachedal liegt das Chrüzbuechhäuli, 1554: aker by der krützbuech. Die Kreuzbuche stand einst rechts vorn Waldeingang überm Bord der Randeggerstrasse. Der Waldrand lief damals vom Storchennest in gerader Linie zu dem Punkt, wo Chachedal und Landeberger zusammenstossen. Und Überall neben der Waldtraufe lief ein mehr oder weniger breiter Streifen Weideland her, der den Waldrand von dem Hag trennte, der das Feld, d.h. die angebauten Zelgen gegen das weidende Vieh schützend umgab. Wo dieser feste Ehfridhag aus Pfosten, an denen zwei Querstangen mit Weiden festgemacht waren, über eine Strasse lief, da musste ein etwas schief gestelltes und damit von selbst zufallendes Gattertor angebracht werden. Hier befand sich ein solches Falletor durch den Fridhag. Ehfrid, d.h. wörtlich Rechtsschütz, wurde der Hag mit gutem Grunde genannt, denn er war tatsächlich ein Rechtsschutz für die Saatzelg. Aber auch der Mensch, wenn er hier durchs Falletor schritt und den Hag hinter sich liess, liess fast ganz den Rechtsschutz hinter sich, zumal da er zudem in den Wald hineingehen und jenseits des Waldes erst noch fremden Boden, fremdes Land begehen wollte! Es entsprach also einem nächstliegenden Bedürfnis eines denkenden und fühlenden Menschen, dass gerade an dieser Stelle ein Kreuz stand, ein massives eichenes Kreuz mit holzgeschnitztem Christusbild. Das war die Aufforderung, sich dem Schutz - einer allmächtigen, ewigen Treue zu befehlen und die Hilfe der Heiligen anzurufen. Dazu ermunterte auch die mächtige Buche, die hinter diesem Kreuz stand, ein prachtvoll sprechendes Bild von der schützenden Kraft und Fülle des Lebens, die uns umgibt. Alle, die da vorübergingen, liebten gewiss das Kreuz und die Buche, die es schützte, - und sie liebten die Buche um des Kreuzes willen. Wären doch beide heute noch da! Es kam dann einmal eine Zeit, im 16. Jahrhundert, wo man für die wachsende Bevölkerung mehr Brot brauchte. Da wurden dem Walde eben dort 10 bis 12 Jucharten Boden entrissen und damit stand dann die Buche mit ihrem Kreuz fast wie auf freiem Feld, und sie waren beide schon recht alt. Doch die Menschen, obwohl sie gerade in jener Zeit ihren Glauben ein wenig geändert hatten, liebten beide unverändert. Ein Novembersturm aber zerriss die alte Buche und im Falle warf sie auch das alte Kreuz zu Boden und mit aufrichtiger Trauer lasen die Menschen die Trümmer zusammen. Dass man beide an der selben Stelle ersetzen könnte oder sollte, daran dachte niemand, eben wegen der Glaubensänderung. Seither bleibt dort eine fröstelnde Leere. Aber die warme Liebe zur Buche mit dem Kreuz wandte sich jenem freundlichen hellen Walddreieck zu mit dem liebkosenden musikalischen Namen Chrüzbuechhäuli.

Und schliesslich greifen wir noch zwei heraus aus der Reihe der Wald - Flurnamen, Hengstacker und Landeberger. Vom Marchstein im Hengstacker berichtet ein besonderer Aufsatz; man möge dort das Nähere nachsehen.
Dieser Marchstein war der mittelste und nördlichste in der alten Grenzstein - Setzung vom Jahre 1434, der 27. von 52. Er stand an einem auserlesen interessanten Platz. Erhöht am Ende eines immer wieder verjüngten Buchenwaldes stehend, schaute er nordwärts über der Rudolfen Seeli weg zum Rheinhardhof hinauf, wo in einer Kapelle ein frommer Klausner vom Kloster Petershausen bei Konstanz fleissig betete für die Welt, welche arbeitete. Und diese Welt war gar nicht so fern, wie es in jener hochgelegenen Waldeinsamkeit scheinen konnte, denn durch jenen Hof hindurch führte die Rinharter- oder Teigingersteig. Und oberhalb des Hofes führte die alte vielbefahrene Landstrasse von Schaffhausen über Bietingen, Hilzingen, Engen nach Rottweil und Ulm und unterhalb des Hengstackers lief der alte Postweg von Radolfszell über Randegg und Gennersbrunn nach Schaffhausen. Der Stein war auch der äusserste Grenzstein der Stadtgemarkung Schaffhausens gegen Osten. Noch viel interessanter als um seines Standortes willen ist uns der Hengstacker - Markstein deswegen, weil drei wichtigste Jahrzahlen der politischen Geschichte unseres Dorfes in seinen Leib gehauen waren, nämlich die Zahlen 1434, 1535 und 1770.

1434 wurde Dörflingen zugleich mit der Herrschaft Andelfingen aus der Hand der Landenberger von der Stadt Zürich erworben, leider nur mit den niederen Gerichten, so dass die Landeshoheit bei Nellenburg - Habsburg bleiben musste. 1535 verband sich Dörflingen enger mit Zürich, indem es die zürcherische Reformation annahm, obwohl sein Landesherr, Erzherzog Ferdinand von Oesterreich, der ärgste der damals regierenden Protestantenfresser war. Und 1770 wurde Dörflingen durch Zürich um schweres Geld aus den hohen Gerichten Oesterreichs losgekauft und gehörte völkerrechtlich erst damit zur Eidgenossenschaft. Beinahe wäre dieser Grenzstein uns ganz verloren gegangen. Ein gütiges Geschick griff durch Forstmeister Gujer, gest. 1942, ein und rettete ihn in einen wohlverdienten Ruhestand im ältesten Klosterhöflein zu Allerheiligen.
Was den Namen Hengstacker betrifft, so wird er an dieser Flur deshalb haften, weil der Ertrag dieses beträchtlichen Stückes Feld und Wald einst das Entgelt bildete für den Hengsthalter und Hirten der Pferdeherde. Derselbe trug gelegentlich grosse Verantwortung, z. B, im 30jährigen Krieg. Am Sonntag, den 13. Mai 1638 wäre ihm beinahe die ganze Herde von 25 Rossen abhanden gekommen, wie das einige Jahre später der Gemeinde Buch widerfahren ist. (Der Ton des Wortes liegt auf - äcker).

 

Endlich das Waldrevier, genannt der Landeberger, 1554, des von Landenbergs Holz. Gleich den kleineren Waldungen im Tote Ma, im Seebuck und Hengstacker, ist auch hier der Wald schon früh in Privatbesitz übergegangen und wir kennen den Besitzer, dessen Namen diese Flur trägt. Die Herren von Landenberg waren im 14., 15, und 16. Jahrhundert ein weitverbreitetes, mächtiges Adelsgeschlecht der Ostschweiz. Sie hatten aber auch ihre Zeit und als diese vorbei war, passten sie nicht mehr in die Weit hinein. Einige unter ihnen machten den Krieg zu ihrem Geschäft. Sie wurden vornehme Reisläufer, und solchen Herren liess die Stadt Zürich nur die Wahl, entweder den Reislauf bleiben zu lassen oder die Heimat zu meiden. Selten einer wählte entschieden das erstere. Einer wie der andere überlegte nach bekanntem Muster so: Was soll ich tun? Arbeiten mag ich nicht, kann ich übrigens auch nicht; zu betteln schäme ich mich; also gehe ich über die Grenze! So sprach auch Albrecht der 6. von der Breitenlandenberg, 1494 - 1544, dessen Stammschloss gleich dem von der Hohenlandenberg im zürcherischen Tösstal stand. Er begab sich ins Ausland, d. h. in die Landvogtei Thurgau ins Städtchen Diessenhofen und setzte sich in das Schloss daselbst, denn der Stern der dortigen Truchsessen war schon gänzlich untergegangen. Zuvor war er als Hauptmann in bischöflich konstanzischen Diensten gestanden, denn sein Verwandter Hugo war damals in Konstanz Fürstbischof. Dann bemühte er sich im Dienst des Herzogs Ulrich von Württemberg, diesem durch die Fäuste der Schweizersöldner wieder in den Sattel zu helfen, nachdem die schwäbischen Herren und Bürger und Bauern ihn als masslosen Geuder und Gewaltsmenschen aus dem Lande gejagt hatten. Aber das Vorhaben konnte dem Landenberger als Söldnerführer nicht gelingen, denn es fehlte dem Württemberger wie ihm am Geld, und die Tagsatzung war bald für, bald gegen den Württemberger. So ging es dann dem Landenberger, wie den paar unverwüstlichen frummen Landsknechten von Dörflingen (Siehe den Aufsatz: Die Reisläufer von 1535). Andere male hatten sie gelacht: Afach, ich mach etz min Rislouf und zal nochher mi Buess! Aber so, bei mangelndem Sold und fehlender Beute, war das eben nicht zu machen. So hätte im Mai 1519 der Landenberger an Zürich eine Busse von 12000 Franken zahlen sollen, aber womit?! Herzog Ulrich kam erst 1534 wieder zu seinem Land, und unser Landenberger hatte unterdessen in Diessenhofen sich friedlichen Haushaltungsgeschäften zugewandt. So erwarb er sich im April 1534 mit wenig Geld von einem fatalen Schaffhauser Junker Wolf von Winkelsheim aus dem Süssen Winkel, dem Bruder des letzten Abtes von St. Georgen in Stein am Rhein, dies Gehölz bei Dörflingen, das vorher dem Junker Spiser von Diessenhofen gehört hatte und dieser war Landenbergers Onkel.

Im Oktober 1538 entdeckt er, dass ihm sein Wald vielfach geschädigt und verwüstet worden ist, und er beklagt sich bei den Gnädigen Herren von Zürich über ihre Untertanen da draussen. Sofort legt der Rat von Zürich durch den Landvogt das Gehölz in Schirm und Bann und lässt bekannt machen: "Wer darin haut und frevelt, wird unnachsichtlich gebüsst mit 3 Pfund (= Fr. 80.-) für eine Eich, und für jeden andern Stumpen mit 20 Schilling ( = Fr. 40.-). Als Schadenersatz kommt noch hinzu jeweils die halbe Busse." Das half. Es war da wohl ein Missverständnis mit im Spiel gewesen und hatte einige Dörflinger zum Zugreifen verführt. Für die erfolgreiche Bannung bedankt sich noch im Jahr 1545 der Landenberger in höflichster Weise beim Rat von Zürich und bittet um eine Wiederholung solcher Hilfeleistung, Er schreibt, er möchte jedes Jahr eine oder anderthalb Jucharten Holz für seine Haushaltung aushauen und dann den betreffenden Hau für die nächsten drei Jahre einschlagen, d. h. durch einen Zaun vor dem weidenden Vieh schützen. Die Dörflinger und die andern Anstösser machen es auch so. Sie machen ihre Hölzer zu Reutenen, säen sie dann an und schlagen sie ein - so war die alte Forstwirtschaft! Je nach drei Jahren wolle er wie von alters her den Trieb von Dörflingen wieder in sein Holz lassen. Er sei auch gerne bereit, für den Entzug des Weidganges in seinem Holz jeweils eine Entschädigung an die Gemeinde zu bezahlen. Aber die eingeschlagenen Jucharten müssten dann auch sicher geschützt sein. Es ist ohne Zweifel seinem Wunsch entsprochen worden. Der alte Offizier wusste, was sich gehörte im Krieg und im Frieden und er hielt sich strikte danach. Bald hernach, noch vor 1549, starb er und sein einziger Sohn Michael zog von Diessenhofen weg. Dem Holz aber ist sein stolzer Name geblieben bis auf den heutigen Tag und er ruft in uns nach Bildern von vergangener Ritterherrlichkeit auf unserer Flur.