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Von unserer Flur und ihren Namen

Unsere Flur, das ist der kleine Fleck Erdoberfläche darauf seit 50 Generationen die Dörflinger leben und lieben, arbeiten und streiten, leiden und meiden. Und nicht nur darauf, sondern auch davon und dafür leben sie seit 1500 Jahren. Und wenn sie die müde Seele ausgehaucht, so legen sie sich in diese Heimatflur und die Überlebenden schreiben auf ihr Grab, - Hier ruht in Gott N. N. Das ist gut gesagt. Die Heimaterde, die getreue, sie ist uns geweihter Boden, denn gar vieles ist für uns dahinter - der ewige lebendige Gott selber ist uns zunächst dahinter!

Unsere Flur ist nicht gross. Marksteine grenzen sie ab nach allen Seiten und machen sie zum Dörflinger Bann. Das heisst für die übrige Welt: Hier ist dörflingerisch Trumpf! hier gilt Dörflinger Art und Brauch. Was das sei, das ist bei jedem ehrenfesten Dörflinger zu lernen, ist jeder wackeren Dörflingerin abzuspüren, und der Dörflinger Art sicherstes Kennzeichen ist eine starke, tiefe Liebe zum Heimatdorf, zur Heimatflur.

Der Dörflinger Bann hat auf der Karte die Form des dunklen Erdteils. Die Linie Egg -Weierhau ist die Linie Marokko - Ägypten, das Riet ist die Sahara, der Birchbüel das Kamerungebirge und der Gisbüel der Kilimandscharo. Wo unser Dorf liegt, ist Deutsch - Ostafrika, Die Elfenbein- und Goldküste fehlen uns allerdings, ebenso das Hochland von Abessinien, und der Rheinstrom hat uns das goldreiche Südafrika weggerissen. Unser Vergleich hinkt also wie jeder andere, und doch ist es von Wert, ungefähr ein Bild davon zu haben, in welcher Form unsere Flur in ihrer Umwelt drinliegt. Eben in der Form, des Erdteils Afrika, nämlich oben ein langes, aber schmales Rechteck, dem sich nach unten ein mächtiges rechtwinkliges Dreieck anfügt, dem die Spitze fehlt.

An Bodenfläche misst unser Bann nach der schweizerischen Arealstatistik von 1917 581,25 Hektaren, das sind nahezu 6 km2 oder 6 Millionen Quadratmeter, im alten Mass 6448 Vierling oder 1612 Jucharten. Wie gross eine einzige dieser vielen Jucharten sei, das könnte am besten einer wissen, der etwa in einem Spätjahr ganz allein die Kartoffeln aus einer ganzen Juchart herausgenommen und heimgeholt hätte. Ich glaube, so einer hätte für sein Lebtag den richtigen Respekt vor einer Juchart Erdboden. Von unsern 1612 Jucharten sind 2/3 (390 ha) Feld, d. h. Acker, Wiese und Reben, beinahe 1/3 (154 ha) ist Wald und der übrige Sechszehntel der ganzen Flur ist von Wohnstätten, Wegen und Wassern in Beschlag genommen, immerhin noch 370000 m2 oder etwa 100 Jucharten.

Laut Grundbuch von 1936 ist unser Bann nach der Eigentumszugehörigkeit in 3493 recht ungleich grosse Stücke und Stücklein aufgeteilt. Nr. 1 ist der Gemeindewald in der Egg und Nr. 3493 ist ein schiefes Fetzlein Schweizerboden, das zu einem reichsdeutschen Grundstück gehört, zuoberst rechts am Weg durch das Loggut hinunter. Vermutlich gehörte einmal alles Land sozusagen allen miteinander und jeder einzelne erhielt sein Stück für drei Jahre zur Nutzniessung von der Gesamtheit. Man meinte damals, wie Licht und Luft, wie Wasser und Wald, so sei auch der Boden, der alle gleich trägt, für alle gleich da. Diese Meinung hat sich im Laufe der Zeit aus guten und andern Gründen gründlich geändert und schliesslich wurde der Boden zu einem Besitzstück und Handelsartikel fast wie irgend etwas anderes, und ist doch nach Herkunft, Bedeutung und Würde etwas Einzigartiges. Gegenwärtig befinden wir uns in bezug auf die Wertung des Erdbodens in einer rückläufigen Bewegung. Die Güterzusammenlegung, die jetzt, im Sommer 1944, auf unserer Flur in vollem Gange ist, stellt sich auch in den Dienst der höhern Wertung und sie wird neben verschiedenem materiellem und realem Gewinn gewiss auch einen Zuwachs an ruhiger Schönheit und Geschlossenheit für unsere Flur bringen.

Was die Oberfläche unserer Flur betrifft, so ist dieselbe sehr mannigfach gestaltet. Das kommt, wie jedermann weiss, daher, dass die Wasser es waren, die im Verlaufe vieler Jahrtausende den Grund und Boden unserer Flur hergeschafft haben, und schliesslich auch die Oberfläche so geformt haben, wie wir das mit interessiertem Auge in Feld und Wald wahrnehmen, auch mit Hand und Fuss, mit Karst und Haue, mit Pflug und Egge gelegentlich zur Kenntnis nehmen. Diese Verschiedenheiten der Oberflächengestaltung sind es gewesen, die die ersten und ältesten Flurnamen entstehen liessen. Man sprach bald vom Buck und vom Tobel, von der Tole und von der Platte, der Grueb und der Halde. Lange Zeit genügten diese Namen aus der Natur. Dann begann mehr und mehr auch die Geschichte Flurnamen zu bilden, am liebsten indem sie die einzelnen Teile der Flur mit auffälligen Besitzernamen belegte, wie Baderwis und Schottenwis, Häsili, Chriechli und Trifuess. So ist es gekommen, dass z. B. im Jahr 1900 unser Gemeindebann mit etwa 175 Flurnamen belegt war. Und diese Menge von Namen bilden auch einen Teil unseres Gemeindegutes, eines geschichtlichen und seelischen Gutes, das zu inventieren und zu sichern die Absicht dieser Abhandlung von den Flurnamen ist.

Die grosse Mehrzahl dieser Flurnamen stammt aus dem 16. Jahrhundert, was, abgesehen von den inneren Gründen, mit dem äusserlichen Umstande zusammenhängt, dass diese Namen dreimal hintereinander, nämlich 1530, 1554 und 1593, im Dörflinger Vogtkernen - Urbar festgelegt wurden. Der Vogtkernen, so hiess die Abgabe, die das Dörflinger Feld, wie schon erwähnt, seinem Gerichtsherrn jährlich zu entrichten hatte, und das Urbar war das rechtsgültige genaue Verzeichnis dieser Abgabe, Es wurde jeweils in Anwesenheit des Lehensherrn durch einen vereidigten Schreiber vor sämtlichen versammelten Lehensleuten aufgenommen, indem jeder seine Lehensstücke nach Art, Grösse und Lage öffentlich angab. So steht z. B. auf Fol. 23 des ungewöhnlich sorgfältig und vollständig geschriebenen Urbars von 1554, das im Dörflinger Archiv liegt, von der wohlbekannten kleinen Flur "im Gigeberger", darin unser Pfarrhaus liegt: Hanns Gigenberg von Buchtalen git von sim wingart zu Dorfflingen, langt ouch her von Josen von wyla, - 3 Vtl. Kernen (= 4 1/2 Sester, 1/2 q), ist 1 Juchart under der Rülin trotten gelegen, oben an die strass und unden an Othmar Siggen garten stossend.

Dieses Urbar von 1554 wird uns massgebliche Urkunde sein. Die allermeisten seiner Flurnamen leben heute noch; die sich gegen neuere nicht behaupten konnten, sind einfach verschwunden, wie uff Bargen, Beringerwis, Linggenacker, Zagelwis und Zipplenwis. Aber mit rund 170 solcher Namen sind wir noch ordentlich reich. Damit haben wir auch die Pflicht gegenüber den Vorfahren, wie gegenüber den Nachkommen, Sorge zu tragen zu diesem Gut. Wir sollen nicht die Generation sein, auf die man einst mit Recht hinweisen dürfte als auf die Trottel, denen es an Nachdenklichkeit und an Sinn für Poesie, an Achtung vor der Geschichte der Heimat und an Pietät gegenüber ihrem Grund und Boden so sehr mangelte, dass sie achselzuckend sagen konnten: Flurnamen? Da ist nichts dahinter!