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Das Jahrzehnt 1916-1925. Dieses kürzlich verflossene Dezennium stand ganz unter den alles verwirrenden Folgen des sog. Weltkrieges 1914-18 und des Versailler Diktats von 1919.

Es wurden in diesen 10 Jahren 44 Knaben und 44 Mädchen zur Taufe gebracht, in summa 88 Kinder, jährlich im Durchschnitt 9. Was die Namen der Knaben betrifft, so stehen zwar 5 Hänse voran, und das knüpft einigermassen an die Vergangenheit an. Aber wenn vor 100 Jahren zu den 18 Hänsen sich 17 Jakobe und 20 Marti gesellten, so findet sich diesmal kein einziger Martin und kein einziger Jakob ? so gründlich hat sich das Bild geändert. Der heilige Martinus wie der heilige Jakobus sind versunken und vergessen samt all den andern Heiligen. 600 Jahre lang hatten sie das Feld behauptet, jetzt sind sie, vielleicht für lange, abgetreten. Dagegen drängt sich jetzt eine ganze Schar zuvor niemals gehörter, niemals gedachter Namen heran, Namen, die zum Teil auch im Kalender stehen, jedoch als Heilige gar nicht in Betracht kommen. Hinter jenen 5 Hänsen kommen 4 Walter, je 3 Werner und Rudolf und Paul, je 2 Adolf und Arthur und Wilhelm und Ernst und Eduard, endlich je einmal Albert und Emil und Erwin und Eugen, je 1 Heinrich und Hermann und Hugo und Helmuth, 1 Karl und 1 Max, 1 Otto und Oskar, 1 David und Theodor und Gottfried und Konrad. 44 Knaben teilen sich in 26 verschiedene Namen, es traf nicht ganz 2 Knaben auf 1 Namen. Vor 100 Jahren traf es reichlich 6 Knaben auf 1 Namen. Die Leute sind wohl anders geworden? Jawohl, sie können z. B. alle lesen und tun?s auch.

Die 44 Mädchen haben meist nicht nur 1 Namen, wie bisher üblich gewesen, sondern 26 von ihnen haben 2 und sogar 3 Namen, denn man ist überreich geworden an Namen, überreich an Wörtern, denn jetzt können alle Leute lesen und rührende Geschichten wachsen massenhaft wie die Krottenblumen im Mai unterm Strich in der Zeitung, und daher kommen die vielen schönen Namen. In unserer Zählung wird nur der faktische Rufname in Betracht gezogen, und so berechnet brachte das Jahrzehnt 5 Gertruden und 4 Margareten und 4 Frieda, 3 Marien, je zweimal Martha, Marianne, Lydia, Ruth, Ursula, Klara und Johanna, und je einmal Berta, Dora, Grace, Ida, Emma, Emilie, Elsa, Erika, Anna, Sophie, Liselotte, Helena, Eva und Mathilde. 25 Rufnamen entfallen auf 44 Mädchen. Wie bei den Knaben trifft es nicht ganz 2 Mädchen auf 1 Namen. Im ganzen wurden 88 Kindern 51 verschiedene Namen gegeben; vor 100 Jahren entfielen noch 26 Namen auf 167 Kinder, d. h.: Vor 100 Jahren traf es ungefähr halb soviele Namen wie heut auf doppelt soviele Kinder wie heut. Jawohl, die Zeit ist anders geworden!

Und was bedeutet nun dieses total veränderte Bild der Namengebung von 1916-25? Es bedeutet, dass wir etwa seit 1850 in die Zeit eines anders gewordenen Lebensgefühls, einer veränderten Weltanschauung und Lebensauffassung eingetreten. Halten wir kurz Rückblick, um die Art dieser Kulturwende zu erfassen, soweit sie sich in der veränderten Namengebung widerspiegelt!

Als die Alamannen aus einem Kriegervolk ein arbeitsames Bauernvolk und erwerbstüchtiges Bürgervolk geworden waren, dankten sie die alten Heldennamen ab. Sie passten wirklich nicht mehr in ihre Welt herein. Dagegen übernahmen sie von der Kirche ganz gerne die Heiligennamen und wuchsen damit erst recht hinein in die Welt, oder wenigstens in das Bild der Welt, das die Kirche sie lehrte. Dies Bild war etwa so: Das Paradies haben wir verspielt, die Welt ist jetzt ein Jammertal und wir müssen sie nehmen, wie sie ist, und je nachdem wir uns dabei verhalten, kommt nachher die Hauptsache, entweder Himmel oder Hölle. 600 Jahre lang galt das so. Aber von 1850 an setzt sich die Aenderung in raschem Tempo durch. Sie spiegelt sich im Dörflinger Taufregister so ab: Im Jahr 1853 taucht auf einmal ein Robert auf, es gibt einem beinahe einen Schock. Ringsum in altmodischem Gewand die ernsthaften ehrbaren Gesichter, die lieben alten Heiligen der Kirche und der Bibel; da auf einmal ein ganz anderer, ein gewöhnlicher Mensch, mit listigen Augen, und hat kein hochzeitliches Gewand an! 1856 kommt sogar ein Julius! 1860 ein Hermann, 1862 ein Gustav und ein Eduard, und dann kommen immer mehr solche unheilige Namen, will heissen Namen, bei denen man mit dem besten Willen nicht an einen Heiligenschein denken muss, und schliesslich kommen fast nur solche profane Namen. Und damit stimmt bestens überein, dass sie Täuflinge ihre Namen nicht bei der Taufe erhalten. Vielmehr bringen sie ihre bürokratisch festgelegten Namen mit zur Taufe.

Es ist ganz klar, dass die Zeit, und mit ihr die Menschen, anders geworden sind; und wie denn? Die Namengebung jedenfalls ist im Gegensatz zu vorher unkirchlich geworden. Welt und Menschen nicht auch? Ja freilich, und eben das ist das Wesen dieser Kulturwende, die Entkirchlichung.

Kulturwenden vollziehen sich sehr langsam und den einzelnen, die sie erleben, allermeist unbewusst. So hat diese Kulturwende schon in der Reformation sich sehr kräftig spürbar gemacht, ist dann aber total stecken geblieben. Zwei Jahrhunderte später hat sie in der Aufklärung und seither besonders im wissenschaftlichen Leben der Völker Europas sich mächtig entfaltet und hat im vorigen Jahrhundert bei uns die Wendung wenigstens in der Theorie zu Ende geführt. Wir denken da daran, wie die Kantonsverfassung von 1876 der Kirche ihre Verfassung geben wollte und sie ökonomisch auf ihre eigene Füsse stellen wollte, wie sie das Leben der Bürger bei Geburt (und Namengebung), bei Eheschliessung und Begräbnis durch das Zivilstandsgesetz völlig von der Kirche unabhängig machte, das Armenwesen und die Schule, zwei bisherige Hauptarbeitsfelder der Kirche, gänzlich bürgerlich machte, die Ehegerichtsbarkeit von der Mitarbeit der Kirche befreite und zu Ende des Jahrhunderts durch ein Gemeindegesetz lebensfähige Kirchgemeinden schuf und die Kirchengebäude für Eigentum der Einwohnergemeinde erklärte. Wir sehen also ganz klar, dass die beinahe hundertprozentige Aenderung der Namengebung völlig mit der Gesetzgebung übereinstimmt, und an den Gesetzen lassen sich Tendenz und Stand der Kultur eines Volkes am sichersten ablesen.

Soll ich schliesslich diese geschichtliche Wendung im Leben des Schaffhauservolkes kurz werten, so denke ich in bezug auf die Namengebung, dass bald wieder eine Korrektur im Verhältnis zu dem unvergleichlich wertvollen überlieferten Namensbesitz eintreten werde mitsamt dem Gewinn, den das Dichterwort meint: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen! Und in bezug auf die grundsätzliche Entkirchlichung unseres kulturellen Lebens hoffe ich, dass sie eine energische Hinwendung zur Wahrheit und zur Freiheit bedeute und also im hohen Sinne echt menschlich sei und dazu speziell echt christlich, insofern Christus selbst um seiner Unkirchlichkeit willen von der jüdischen Kirche im Namen ihres Kirchengottes ans Kreuz gebracht worden ist.