Beitragsseiten

Unsere Taufnamen

Der Familienname ist unser eigentlicher Name, denn er weist auf das Plasma hin, aus dem wir geworden sind, er ordnet uns der Menschengruppe zu, der wir wesentlich angehören. Damit kennzeichnet er uns und unterscheidet uns von unsersgleichen, was eben eines Namens Aufgabe ist.

Ist der Familienname unser eigentlicher Name, so ist unser eigenster Name der Eigenname, der auch Rufname oder Vorname oder Personenname oder Taufname heisst. Der Akt der Eigennamengebung hat natürlich in verschiedenen Völkern und Zeiten verschiedene Formen gefunden. Eine vollendet sinnreiche und feierliche Form besitzt diese Namengebung in ihrer Verbindung mit der christlichen Taufe. Wie werden doch beste religiöse, sittliche und soziale Gefühle in den Beteiligten wachgerufen, wenn innerhalb der sonntäglichen Glaubensfeier einer Gemeinde der Pfarrer im Namen des Schöpfers und Erlösers das neugeborene Kindlein, das von Eltern und Verwandtschaft herzugebracht und damit der Gemeinde vorgestellt wird, willkommen heisst, nicht nur in der Menschenwelt überhaupt, sondern in deren hoch bevorzugten Bereich, in der Christenheit. Und wenn er dann dem Kindlein zugut den Eltern und Paten und allen Gemeindegenossen davon spricht, dass sie mitverantwortlich seien dafür, dass dieses Kindlein einmal dem Ziel seiner Menschwerdung, eine freie sittliche Persönlichkeit zu sein, nahe komme, und wenn er endlich es mit seinem Eigenname anruft und es sinnbildlich eintaucht in jenen unsichtbaren Strom befreiender geistiger Kräfte, der vom ewigen Gott und von Christus her durch die Menschheit rinnt und wogt ? wie sinnvoll und weihevoll ist das!

Eines Menschen Eigenname oder Taufname ist lebenslänglich sein eigenster Besitz. Man darf daher von den Eltern erwarten, sie werden ihrem Kinde den Namen so wählen, dass es von der Wiege bis zum Grabe seine Freude daran haben kann, dass der Name ihm beständig der Eltern gerechte und gültige Gesinnung vergegenwärtige und dass alles, was hinter diesem Namen ist, Klang und Bild und Sinn, ihm zeitlebens wie vertrauter Freundesgruss gelte. So stellt sich uns die Frage: Was für Namen haben die Eltern in Dörflingen während Jahrhunderten ihren Kindern mitgegeben? Was erfahren wir aus den Kindernamen über das geistige und religiöse Leben unserer vergangenen Geschlechter?

Zur Beantwortung dieser Frage wäre es schon recht, wenn wir Taufregister wenigstens der letzten 600 Jahre hätten, also etwa seit dem Jahr 1350. Theoretisch wäre das möglich, denn gerade so lang wird in Dörflingen ein Kirchlein gestanden haben, während noch einmal 600 Jahre zurück, ums Jahr 750, jene Zeit liegt, da man auf Dörflinger Boden anfing, die Namengebung mit der christlichen Taufe zu verbinden. Tatsächlich aber reichen unsere Taufregister weder 6 noch 12 Jahrhunderte , sondern bloss 2½ Jahrhunderte zurück, aus guten Gründen. Bis zum Jahr 1535 gehörte Dörflingen kirchlich zu Gailingen, und dort hiess es noch lange, nachdem der Priester notdürftig schreiben gelernt hatte: ?Wozu sollte man so etwas aufschreiben wie Taufe und Begräbnis? Das weiss man ja sowieso! Und es ist ja immer dasselbe, er lebte, nahm ein Weib starb!? Erst im Jahr 1654 fing man in Gailingen diese Aufzeichnungen an. Nach Annahme der Zürcher Reformation, April 1535, wurde Dörflingen, weil viel zu klein, um selbständig Kirchgemeinde zu sein, durch Abmachung der Städte Zürich und Schaffhausen nach Büsingen eingepfarrt. Bh und Schaffhausen nach Büsingenbständig Kirchgemeinde zu sein, durch Abmachung der Städte Zürich und Schaffhausen nach Büsingenüsingen war eine Filiale der Münsterkirche zu Schaffhausen. Hier führte Pfarrer Elias Murbach, ein Nachfolger des Chronisten Rüeger, im Januar 1615 die kirchlichen Register ein. Ihm, dem Schreiblehrer am Schaffhauser Gymnasium, fiel das leicht. Für Dörflingen hören die Register leider mit Mai 1646 schon wieder auf. Unsere Gemeinde hatte es nämlich unter der tüchtigen Führung von Pfarrer und Untervogt auf diesen Zeitpunkt erreicht, dass sie Schulgemeinde und dazu auch selbständige Kirchgemeinde wurde. Ohne Zweifel wurden die kirchlichen Register auch jetzt weitergeführt, aber für die Jahre 1646 bis 1714 sind sie leider verloren gegangen. Das ist eine schmerzhafte, oft verwünschte Lücke im Zusammenhang unserer Geschlechter. Erst von 1715 ab sind die Kirchenbücher vollständig.

Also bis zum Jahre 1615 müssen wir uns ohne Taufregister mit den Dörflinger Taufnamen auseinandersetzen, werden uns aber trotzdem ein zuverlässiges Bild von den Taufnamen der vorhergehenden Jahrhunderte machen können.

Das Zeitalter der heidnischen Heldennamen, 750-1250

Den ersten uns bekannt gewordenen Dörflinger Taufnamen erfahren wir aus einer Urkunde vom 9. März 1311, darin ein Sifrit ehrend erwähnt wird. Er wird der Dörflinger genannt, indem er jenem freien Bauerngeschlecht angehörte, das von dem Dörfli und von dem das Dörfli seinen Namen erhalten hat. Sifrit oder Sigfrid, d. h. der durch Sieg Frieden schafft, ist ein Beispiel für die Art Taufnamen, welche die wenigen Kinder trugen, die zwischen 750 und 1250 auf dem Hof, dann auf den Höfen und endlich auf dem Dörfli geboren wurden. Es waren Namen, in welchen das unglaubliche Kraftgefühl der germanischen Menschen jenes Zeitalters und ihre unbändige Freude an Jagd und Kampf, an Waffe und Wettstreit sich äusserte. Solche Namen gab es fast unzählige, indem die Eltern, wie es scheint, ihren Stolz darein setzten, den Kindern selbsterdachte Namen mitzugeben. Und das war gar nicht schwierig, weil alle diese Namen aus zwei Wörtern bestanden, und beide gehörten zu den Belangen der Waffen, des Kampfes, des Ruhmes, des Friedens und sicheren Besitzes. Fügte man zwei beliebige von diesen Wörtern zusammen, so ergab sich immer wieder ein Name von mindestens erträglichem Sinn. Hiess z. B. der Vater Gerwin, d. h. Speerfreund, und die Mutter Truthild, d. h. Zauberstreiterin, so ergaben sich durch einfache Variation die Namen für zwei Töchter Gertrud, d. h. Speerzauberin, und Gerhild, d. h. Speerstreiterin, und für zwei Söhne Trutker, d. h. Zauberspeer, und Hiltwin, d. h. Streitfreund, und die üblichen Kurz- und Kosenamen lauteten Trudi, und Hilda, Gero und Wineli. So lebten dann die Eltern nicht nur wesentlich, sondern auch namentlich in ihren Kindern fort, und durch die Namen waren Eltern und Kinder aufs engste verbunden, und was jeder Name bedeutete, lag auf der Hand. Er war immer Aufruf und Mahnung, Vorbild und Verheissung. Es war damit also total anders, als wie mit den heutigen Namen, da man von den ach so schönen und allzuoft auch selbstgemachten Mädchennamen Bina, Dina, Fina, Gina, Lina, Mina, Nina, Rina, Stina und Tina meist ruhig sagen kann: Es ist nichts dahinter, rein gar nichts.

Es ist ein hübscher Zufall, dass der erste uns bekannte Dörflinger Taufname zugleich den ersten uns bekannten Sigg erwähnt, denn Sigg ist nichts anderes als de Kurzform von Sigfrid. Nicht minder hübsch ist es, dass dieser erste unserer christlichen Taufnamen zugleich der letzte unserer heldenmässigen heidnischen Alamannennamen ist, und zwar ist es ein Name von bester Qualität. Siegfried ist ein stolzester der germanischen Heldennamen. Es gibt eine grosse, mehr als 2300 Strofen lange hochdeutsche Dichtung, die im 12. Jahrhundert aus alten deutschen Volkssagen zusammengefügt wurde, das berühteste sog. Nibelungenlied. Der Held dieser Dichtung heisst Sigfried. Wer einen unvergesslich starken Eindruck von dem alten germanischen und alamannischen Wesen gewinnen will, muss dieses Nibelungenlied lesen. (Nebenbei bemerkt zur Zeit des 2. Weltkrieges: Siegfried ist schon recht, aber Reinfried wäre noch besser, d. h. der durch Klugheit Frieden schafft und erhält.) Es könnte auffallend scheinen, dass noch ums Jahr 1300 angesehener Leute Sohn so einen heidnischen Heldennamen trug, nachdem doch seine Vorfahren seit wenigstens 500 Jahren Christen geworden waren und sicher nicht bloss von christlichen Bräuchen, sondern auch vom Geiste Christi beeinflusst waren. Das braucht aber gar nicht aufzufallen, sondern es ist nur ein starkes Zeugnis dafür, dass die gerade, unbeugsame, wehrhafte, kampfbereite Art jener Menschen sich mit dem recht verstandenen Christentum sehr wohl verträgt, und dass der Pazifismus nicht aus dem Christentum, sondern bloss aus den Nerven kommt. Und hiermit stimmt die Namengebung schön überein, die der fromme Graf Eberhart III. von Nellenburg in Schaffhausen, gestorben um 1080, bei seinen Söhnen anwandte. Der älteste derselben, später Erzbischof von Trier, hiess Udo, d. i. Kurzform von Uodalrich, der Erbgutreiche, als ältester der Stammsitzherr. Der zweite, später Abt auf der Reichenau, hiess Ekkehart, der Schwertstarke. Die übrigen heissen Heinrich, der Gehöftefürst; Adelbert, der Adelglänzende und Burkhart, der Burgstarke. Graf Eberhart, der Eberstarke, empfand diese guten alten Namen offenbar durchaus nicht als heidnisch, sondern als echt und schön menschlich, und er hielt damit bewusst den Zusammenhang mit seinen Ahnen und mit seinem Volke fest. Das war ums Jahr 1050.

Das Zeitalter der kirchlichen Heiligennamen 1250-1850

Zweihundert Jahre später lagen die Dinge ganz anders. Ungeheure seelische Veränderungen hatten sich zwischen 1050 und 1250 in den Völkern Mitteleuropas ereignet. Eine andauernde, starke weltanschaulich-religiöse Erregung überflutete nach dem Jahr 1000 das ganze Abendland. Unzählige Klostergründungen waren die Folge. Ebenso waren eine Folge die fantastischen und verlustreichen Kreuzzüge zur Eroberung des heiligen Grabes, und eine Menge verschiedener Mönchsorden machen auf ihre Art die Völker fromm. Abergläubische Verehrung einer Menge von Heiligen, vor allem der Himmelskönigin Maria und zahlloser wundertätiger Reliquien, d. h. Ueberbleibsel von Heiligen, das hiss man Christentum, und damit führten die Päpste einen erfolgreichen, erbitterten Kampf gegen die Kaiser um die politische Herrschaft über ?die Welt?. Diese Veränderung des Christentums äusserte sich etwa vom Jahr 1250 ab deutlich in der veränderten Namengebung mit kirchlichen Heiligennamen.

Gut lässt sich das illustrieren aus der Dörflinger Geschichte. Der vorerwähnt Sigfried vom Jahre 1311, Ulrichz des Zimbermans sun, hatte in der kräftig aufblühenden Stadt Schaffhausen reiche nahe Verwandte. Conrad der Dörflinger war damals vornehmer Ratsherr in der Stadt. Er verstand sich auf den Güterhandel, genoss wahrscheinlich auch die persönliche Gunst des Habsburger Grafen Rudolf. Sein Name Cuonrat war zwar urgermanisch und bedeutete Berater der Sippe. Aber die Kirche hatte den beliebten Namen christlich gemacht, indem sie den edlen Konstanzer Bischof Konrad, der dort von 934 bis 975 regierte, zum Heiligen und zum Schutzpatron von Stadt und Bistum Konstanz erhob. Und es ist sicher anzunehmen, dass der Vater des Ratsherrn seinen Sohn auf den heiligen Konrad und nicht auf den Berater der Sippe hatte taufen lassen. Der Ratsherr selber hatte vier Söhne. Der älteste, Nikolaus, wurde ein Geldverleiher grossen Stils, Heinrich wurde ein Geistlicher und Gelehrter, Jacob ein reicher Privatmann, und Johannes, der jüngste, ebenfalls ein Geistlicher, war 1350-58 Abt des Klosters Allerheiligen in Schaffhausen. Diese alle trugen also die Namen von Heiligen. Sankt Nikolaus, oder wie wir sagen Samichlaus, war in uralter Zeit Bischof in Myra an der Südküste Kleinasiens gewesen, berühmt als grosser Kinderfreund, sowie als Schutzheiliger der Fischer und Schiffer, daher seine Kapelle in Schaffhausen und in Obergailingen, seine Kirche in Stein und Rheinau. Der heilige Heinrich war der im Jahre 1146 für heilig erklärte Kaiser Heinrich II., ? 1024, ein Heiliger, welcher lehrte: Es ist nötig, dass die Kirche viele Güter besitze, denn wem viel gegeben ist, dem kann auch viel genommen werden! Der dritte sollte nicht etwa dem jüdisch-biblischen Erzvater zu Ehren den Namen Jacob tragen, das wäre damals ein unmöglicher Gedanke gewesen, sondern Sankt Jacobus der ältere, der Apostel, sollte sein Schutzheiliger sein. Er konnte das nebenbei schon sein, denn er war ein grösster Heiliger des hohen Mittelalters, dem die Kirchen von Buchberg, Gächlingen und Osterfingen geweiht waren, und durch seine Knochen war er damals unbestritten der grösste Wundertäter. Deshalb war der Ort, wo sie lagen, Santiago de Compostela im nördlichen Spanien, neben Rom und Jerusalem damals der höchste Wallfahrtsort. Graf Eberhart von Nellenburg samt Gemahlin hatten aus Frömmigkeit die gefährliche und anstrengende Reise dorthin nicht gescheut, und eine Reliquie, ein Stücklein von ihm, für das Kloster Allerheiligen erworben. Nach Rom war der Graf schon vorher gewallfahrt, darauf schliesslich nach Jerusalem. Auch der bekannte Schaffhauser Jerusalempilger Hans Stokar hat zuerst die Wallfahrt nach Spanien unternommen. Und der jüngste war nach Johannes, nicht dem Evangelisten, sondern nach Johannes Baptista, dem Täufer, dem Schutzheiligen vieler Städte und Länder getauft, dem nach dem Siegel zu schliessen, die St. Johannkirche zu Schaffhausen geweiht war. Und wenn die Vermutung sich bestätigt, dass eben dieser, Abt Johann der Dörflinger, es war, der in dem Dörflein da oben zum Heile der Seelen ein Kirchlein bauen liess und mit dem nötigen Gut ausstattete, so ist uns klar, warum dieses Kirchlein dem Santi Hans geweiht worden ist.

Also um 1050 haben wir in Schaffhausen noch durchaus Namengebung mit altdeutscher Taufnamen, s. die Nellenburger, um 1300 aber durchaus mit Heiligennamen, s. die Dörflinger. Das zeigt eine erstaunlich rasche und gründliche Abwendung von den alten, angestammten Kampf- und Kraftnamen mit ihrem scheinbar ganz diesseitigen und naiv gottlosen Inhalt, sowie eine erstaunlich völlige Hinwendung zu den gläubigen und Glaubenstreue fordernde und ganz nach dem Jenseits orientierten Heiligennamen der Kirche. Da hatte die Kirche offenbar eine sehr grosse volkserzieherische Arbeit geleistet, durch den Eifer von vieltausend Mönchen, was rückhaltlos anzuerkennen ist, auch wenn einem scheinen will, dass für die Pfeife zu viel bezahlt wurde (um eine Redensart von Benjamin Franklin zu gebrauchen). So gründlich und rasch, wie bei uns, geschah das freilich nicht überall. Von Bern und Umgebung z. B. weiss man aus den Taufregistern, dass dort 1191 bis 1216 noch 211 Knaben mit altdeutschen und 30 Knaben, also ein Siebentel, mit Heiligennamen getauft wurden; von den gleichzeitig getauften Mädchen aber trug schon der dritte Teil christliche Namen. 160 Jahre später, im Jahr 1375, standen in demselben Umkreis an Knaben- und Mädchennamen 380 christlichen immer noch 181 heidnische (aber zum Teil mit christlichen Namensträgern) gegenüber. Und wieder 150 Jahre später, 1530, sind nur noch 8 vom Hundert aller Namen altdeutsch, und diese gehörten den gelehrten kleinen Humanistenkreisen an. Das war ein weltanschaulicher Uebergang von den Helden zu den Heiligen, vom Diesseits zum Jenseits, von Gottes Welt zur Kirche Gottes.

Sehen wir nun zu, wie diese Kulturwende in der Namengebung sich wiederspiegelt in Dörflingen, zunächst in den Mädchennamen. ? Diese sind begreiflicherweise in den Urkunden nicht oft anzutreffen, aber schon mit den paar ersten sind wir im Bilde, wie es mit der Namengebung stand. Aus dem Jahr 1333 kennen wir eine Anna Dörflingerin, es ist die Witwe des erwähnten Ratsherrn Cunrat. Im Jahr 1359 hören wir von ihrer Tochter Elisabeth, der Gattin des Edlen Zum Thor in Schaffhausen. 1399 wird eine Base, Schwester Kathrin, die Klosterfrau zu Sant Agnesen, genannt. Sie ist die Tochter des Niklaus und tut viel Gutes mit ihres Vaters Geld. Im folgenden Jahrhundert sind Schwester Adelheid bei den Barfüssern und Ellina Dörflingerin erwähnt. Adelheid, die Adlige, und Aellina, die kleine Herrin, das sind zwei germanische Namen, aber die Legende hatte ihnen ohne Zweifel christliche Trägerinnen gegeben, und doch erlaubten die Namen, auch im Kloster noch von entschwundener irdischer Herrlichkeit zu träumen. In Dörflingen selber finden wir die Witwe Elsi Widmer und ihre Töchter Elsi und Anna, und letztere wird 1420 genannt als eine Leibeigene, die das Kloster in Stein eintauscht gegen die Verena Ower in Gailingen. Wir haben also aus den Jahren 1325 und 1425 die Heiligennamen Anna, Elisabeth, Kathrina und Verena und indem wir nachfolgendes vorausnehmen, finden wir die Merkwürdigkeit, dass zu Dörflingen im Jahrzehnt vor 1625 13 Annen, 13 Elisabethen und 12 Verenas getauft worden sind, im Jahrzehnt vor 1725 15 Annen, 6 Elisabethen und 5 Verenen, im Jahrzehnt vor 1825 15 Annen, 14 Elisabethen und 5 Verenen, und im Jahrzehnt vor 1925 keine einzige Anna, keine einzige Elisabetha, keine einzige Verena!

Item, die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen, und mit uns ändern sich unsere Namen. Immerhin ordentlich langsam und in Verbindung mit grossen Zeit- und Kulturwenden.

Wir wenden uns zu den kirchlichen Heiligennamen. Woher kamen eigentlich diese Namen?

Die Kirche schuf sie. Zuerst lehrte sie die Märtyrer, die in Verfolgungszeiten für den Glauben gestorben waren, als Heilige zu verehren. Als es keine Märtyrer mehr zu geben brauchte, soweit nicht die Kirche selbst als Verfolgerin solche machte, wurden Priester, Mönche und Nonnen für Heilige erklärt. So schuf im Laufe von 4 Jahrhunderten die fromme und die abergläubische Fantasie einen ganzen Himmel voll wundertätiger Helfer. Und indem die Eltern ihren Kindern Heiligennamen gaben, verpflichteten sie sie von klein auf zu deren Verehrung und Anrufung und Anbetung. An der Spitze dieser wimmelnden Wunderwelt von Fürbittern und Helfern thronte das vergöttlichte Ideal der auf Erden schwer missachteten Weiblichkeit, die jungfräuliche Mutter Gottes Maria. Das ganze scheint von weitem ein prächtig feines, edles, emporziehendes Gedicht zu sein, ist aber von nahem eine oft ganz unwürdige und vererbte Abgötterei und schwächliche Weiterführung des Halbgötterhimmels der alten Griechen und Römer. Was die Einführung dieser Heiligennamen bei der Taufe betrifft, so schreibt davon Stumpf im 4. Buch seiner Schweizergeschichte von 1547: Mit der zeyt wollte die römisch kirch und Religion die nammen der Teütschen in vergässlichkeit fürderen, damit durch das eynwachsen der Römischen und Latinischen nammen beyde, das Römische Reych und Papstthumb, bei den Teütschen mer anmuts und ansähens erholen möcht. Als Stumpf so schrieb, in der Zeit der Gegenreformation, hatte die römische Kirche dies Ziel längst erreicht, zum Nutzen wie zum Schaden der Teütschen.

Was im besondern die Taufnamen der Dörflinger Mädchen betrifft, so standen die Heiligennamen Anna und Elisabeth, wie schon erwähnt, während 6 Jahrhunderten allen andern voran. Zu ihnen und zu Verena gesellten sich Katharina, Margareta, Barbara, Ursula und Magdalena. Mit diesen acht Namen kamen die Dörflinger Frauen jahrhundertelang aus. Kommt uns das vielleicht sonderbar konservativ und beschränkt vor, da es doch eine Menge anderer auch schöner Mädchennamen gab? Was das Konservative betrifft, so ist die Natur noch konservativer, und unsere Vorfahren hielten es mit der Natur, soweit sie sie verstanden, und was das Beschränkt- und Genügsamsein betrifft, so ist es wahre Weisheit, an wenigem Schönen sich genügen zu lassen, und was wirklich schön ist, ist immer schön. Tun wir nun diesen paar Frauennamen, mit denen die meisten Vormütter der heutigen Dörflinger geschmückt waren, die Ehre an, sie einzeln kurz ins Auge zu fassen.

Die heilige Anna, d. h. die Anmut, die Grazie, war nach Legende und Geschichte die Gattin des heiligen Joachim, die Mutter der heiligen Jungfrau, die Grossmutter des Welterlösers. Schon im Jahre 550 widmete ihr der gewaltige oströmische Kaiser Justinian der I., der das römische Recht und die Hagia Sophia, zwei Weltwunder, errichtet hat, in Konstantinopel eine Kirche, jedenfalls aus staatspolitischen Erwägungen. Unzählige Sant-Annen-Kirchen folgten nach. Die grosse Sankt-Anna-Kapelle in Schaffhausen, war ums Jahr 1500 noch eine Marienkapelle, aber dann musste die Tochter der Mutter weichen in der Verehrung der Gläubigen. Die Heilige Anna selbdritt, d. i. Anna, Maria und der Jesusknabe war eine beliebte bildliche Zusammenfassung des Liebenswertesten auf Erden. Heilige Anna, ich will ein Mönch werden! so gelobte, einer Lebensgefahr entronnen, der junge Student Luther. Sie war mein Abgott, entschuldigte er sich später. Sie war eben auch die Schutzheilige der Bergleute, und Luthers Vater war Bergmann. (Ortsüblich waren bei uns die Formen Ann und Anili.) Die heilige Elisabeth, d. h. ?die bei Gott schwört? und nicht bei Baal, also die Rechtgläubige, gehört der Geschichte an. Sie war ungarische Königstochter, dann Landgräfin in Thüringen, ein wirkliches Wunder hilfreicher Güte, schon vier Jahre nach ihrem Tode heilig gesprochen im Jahre 1235. Lange Jahrhunderte hatte die Volksmeinung heilig gesprochen, dann aber nehmen die Päpste das Recht der Kanonisation, der Heilisprechung, für sich in Anspruch. (Ortsüblich Lisebeth, Elise, Lisi und Lisette.) Die heilige Verena, in römischer Zeit in Zurzach am Rhein lebend, soll durch ihre Wohltätigkeit und ihr heiligmässiges Wesen viel heidnische Alamannen für das Christentum gewonnen haben. Krug und Kanne trägt sie auf ihren Bildern als ihre Kennzeichen. Es war wohl böse Zeit, da man durch Anwendung eines Kammes heilig werden konnte! Ihr Grab ist in Zurzach. (Ortsüblich Vräne, Vrä und Vräli.) ? Katharina, d. h. die Reine, Margareta, d. h. die Perle, und Barbara, d. h. die Ausländerin, die in Gewitter und Kriegsstürmen zu schützen vermag, darum die Schutzheilige der Kanoniere, das sind drei Märtyrerinnen, die zum Kreise der 14 Nothelfer gehören. ?Die 14 Nothelfer? war der Name einer vielbegehrten Gesellschaft von Spezialisten gegen alle alle möglichen Nöte. Es war wohl ein undankbarer Spötter, der das Sprichwort im Blick auf sie ersann: Nidsi helfed alli Heilige, obsi chum eine! Die heilige Ursula, d. h. das Bärlein, tat nach der Legende ums Jahr 400 mit 10 Gefährtinnen, von denen jede ein Geleite von 1000 Jungfrauen mit sich nahm, eine Wallfahrt nach Rom, bis nach Basel auf dem Rhein, von da zu Fuss. Auf dem Rückweg wurden sämtliche 10000 Jungfrauen (irrtümlich die 11000 Jungfrauen genannt) von den Hunnen niedergemetzelt und sollen bei Köln begraben liegen. (In der Schlosskapelle zu Herblingen war ein Elftausend-Jungfrauen-Altar.) Der 21. Oktober, der Tag der heiligen Ursula, war den Dörflinger Burschen und Töchtern ein Glanztag des Jahres, weil an ihm zu Ossingen der Jahrmarkt abgehalten wurde, und Ossingen war seit 1434 für Dörflingen der Gerichtshauptort. Nachdem im Jahr 1774 der Markt auf Katharinentag, den 25. November verschoben worden, blieb doch für Dörflingen wenigstens der Glanz der Kirchweih an den Ursslentag gebunden. (Urssle und Urssili sind die ortsüblichen Formen.) Und endlich die heilige Magdalena, d. h. ?die von Magdala? am See Genezareth, war eine der heiligen Frauen, die mit der Mutter des Erlösers ihm dienten. (Madlä und Läne.) Mit diesen 8 Heiligennamen also wurde die grosse Mehrzahl aller Dörflinger Mädchen und Frauen von 1250 bis 1850 gerufen, und in jenen Zeiten, da man noch einfach und besinnlich genug war, um an der Legende seine Freude zu haben, wurde unzähligemale in dem Namensruf eine Erinnerung an Heiliges und Ehrwürdiges lebendig und gewährte dem aufhorchenden Sinn Ermutigung und Tröstung, Ermahnung oder Beschämung, sittliche Kräfte jeglicher Art.

Gegen das Jahr 1500 verlor zwar die Legende ihren Kredit. Die Welt wurde selbstbewusster und sie wurde kritisch. Sie nannte die Legende Lügende. Das schadet aber diesen angestammten Namen nichts. Auch die Lügende war schön, und wenn man sie trotzdem beiseite legte, so blieben doch ihre Heiligennamen. Zu derselben Zeit aber wurde die Bibel neu entdeckt und zu Ehren gezogen. Dass das die Volksseele nahe anging und nicht etwa nur ?Mönchsgezänk? war, äusserte sich alsbald in veränderter Namengebung, indem nun eine kleine Anzahl neuer Namen aus der biblischen Legende und Geschichte geschöpft wurde, für Frauen die Namen Ruth, Susanna und Hanna, Martha und Lydia, nicht aber Maria, das blieb noch lange der einzigartige Gottesmutter-Name. Reichlicher flossen die biblischen Männernamen, besonders aus dem alten Testament, wie Adam und Abraham, Isak und Jakob, Samuel und Daniel und Jonas, David und Salomo, Jonathan und Gideon, Simeon, Markus, Lukas und Paul. Immerhin, für viele protestantische Ohren judenzten diese Männernamen zu stark und darum behauptete sich im ganzen der überlieferte Vorrat der Heiligennamen.

Nachdem wir die hauptsächlichen Frauennamen aus dem Repertoir der kirchlichen Heiligen gemustert, wenden wir uns den entsprechenden Männernamen zu. Wie es um die Kulturwende, um das Jahr 1250, zu Ende der Hohenstaufen, stand, haben wir gesehen. Wir sind dort in der Familie der Dörflinger den Heiligen Konrad, Nikolaus, Heinrich, Jakob und Johannes begegnet, und 300 Jahre später treffen wir noch fast genau dieselben Namen. Nämlich unter den 16 Männern, die im Jahr 1535 eine energische letzte Rodung auf unserer Flur vornahmen, heissen ihrer 7 Hans, je 2 heissen Konrad und Heini und Uli, je einer heisst Jakob, Ottli und Oswald. Die zwei letzten sind zwar altdeutsche Namen, aber es sind Heilige dieses Namens gemeint. Dass die 16 Mannen 7 verschiedene Namen tragen, ist erfreulich, weil sich in diesem Verhältnis ein ordentlicher Reichtum der Vorstellungswelt verrät, aber warum muss dann die Hälfte von ihnen Hans heissen? liegt da ein vernünftiger Grund vor? Ja freilich, da kommt der Erzhans von Dörflingen zur Geltung. Santi Hans ist unser Lokalheiliger. St. Johannes der Täufer ist der Schutzpatron des Kirchleins und aller, die dazu gehören. Weil das so war, darum wollte kein Vater darauf verzichten, mindestens einem seiner Buben den Namen des Santi Hans zuzulegen, das gehörte sich doch christlicher Weise so, und man konnte nicht wissen, ob das nicht noch sehr von Vorteil war. Die Mutter wenigstens war überzeugt, den Santi Hans beiseite zu lassen, würde Unglück bringen. Zum Hans, das ist die Kurzform von Johannes, und dieses ist die griechisch-lateinische Form des hebräischen Namens Jochanan, d. h. Jo (Kurzform für Jahwe, Jehova) ist gnädig, gesellen sich Konrad und Heini und Uli und Jakob und Ottli und Oswald. Konrad und Jakob, Heinrich und Ulrich sind uns schon vorgestellt worden. Othmar und Oswald sind altdeutsche Namen und bedeuten: der erste ist ?durch seinen Erbbesitz berühmt? und der andere kann ?regieren wie einer der göttlichen Asen?, das sind die germanischen Götter. Aber beide sind längst Heilige geworden. Der heilige Othmar war der erste Abt von St. Gallen, 759 gestorben als Gefangener auf der Rheininsel Werd bei Stein. Die Wilchinger Kirche war ihm geweiht. Und der heilige Oswald soll ein englischer König gewesen sein, gestorben 642. Ihn anzubeten waren die guten Schwaben am Randen von den irischen Missionaren gelehrt worden, und das Kloster Allerheiligen rühmte sich, auf dem Altar seiner Oswaldkapelle das Haupt des heiligen Oswald zu bewahren. Setzen wir statt dieser beiden seltenen Namen zu den genannten fünf Hans, Konrad, Heinrich, Jakob und Uli noch diese drei: Martin und Kasper und Michael hinzu, so haben wir die acht Heiligennamen beisammen, die in Dörflingen durch die Jahrhunderte hindurch am meisten im Gebrauch standen. Der Heilige Martin war Bischof von Tours in Frankreich, gestorben 400, der Schutzpatron Frankreichs. Das Bild, das ihn hoch zu Ross unter einem Stadttor zeigt, wie er zur Winterszeit seinen Reitermantel mit dem Schwert zerteilt und die Hälfte einem Bettler gibt, weil er sonst nichts zu verschenken hat, ist uns allen wohlbekannt. Er war ein starker, guter Heiliger, und doch war sein Tag im Kalender der 11. Tag des 11. Monats, ein böser Tag für Unzählige. Aber eben, so sind die Heiligen in den Kalender gekommen. Calendarium nannten die bischöflichen und klösterlichen Finanzreferenten das Buch, darein sie die fälligen Zinse notierten, und die Termintage schmückten sie mit dem Namen grosser Heiligen, und so ist Sankt Martin ein böser Heiliger geworden. Schon im Jahr 846 stand im heutigen Merishausertal seine Kirche, die dem Kloster St. Gallen gehörte. Sankt Ulrich war ein guter Bischof zu Augsburg, gestorben 973, und Kaspar war nach der Legende einer der heiligen drei Könige gewesen, die nach Bethlehem kamen, um dem Christkind zu huldigen. Er war der König aus Mohrenland, und sympathisch steht sein Standbild seit dem Jahr 1523 auf dem Mohrenbrunnen zu Schaffhausen. Der heilige Michael endlich war nach der Legende der Erzengel und Engelfürst, der am jüngsten Tag den Satan in den höllischen Pfuhl stürzen wird. Die vielen Michel in Dörflingen aber trugen ihren stolzen Namen ?Wer wie Gott?? (= Mi-cha-el) dem Schutzpatron des Kirchleins auf Kilchberg zu Dienst und Ehren.

Also im Jahr 1535 finden wir den Stock der Dörflinger männlichen Heiligennamen für die Zeit 1250-1850 in diesen 8 Namen noch ungefähr beisammen. Aber schon 20 Jahre später, im Jahr 1554, führt die Diessenhofer Vogtkernengült 16 verschiedene Taufnamen von 28 Dörflingern an, und damit ist das Namenbild viel belebter als im Jahr 1535. 7 Häuser sind zwar auch noch da, zum Teil die gleichen wie 1535, doch heisst einer Kleinhans und ein anderer Hanselmann. Es sind da weiter 2 Heini und 2 Jakob und 2 Bartlime, 2 Peter und 2 Andres. Hiebei ist bemerkenswert, dass 3 Paare ziemlich ungewohnte biblische Apostelnamen führen, nämlich die Namen Bartholomäus, Petrus und Andreas. Natürlich spielt da das neue Interesse für die Bibel im Zusammenhang mit der Einführung der Zürcher Reformation in Dörflingen im Jahre 1535 eine Rolle. Ebenso sind auch die Namen Adam und Stephan zu verstehen. Zu diesen tritt noch eine Reihe prächtiger alter Heiligennamen, nämlich Kaspar und Melchior, Konrad und Martin, Vitus und Gallus, Fridolin und Baschion hinzu. Letzterer ist der heilige Sebastian, der Schutzheilige der Bogenschützen und Helfer gegen die Pestkrankheit. Die zwei Frauen, die in der Gült erwähnt werden, heissen Anna und Gertrud, auch zwei Heiligennamen. Dieses vielfarbige, erfreuliche Namenbild hängt sicher mit der geistigen Regsamkeit zusammen, die durch die Verbindung mit Zürich gegeben war. Anderwärts begann gerade damals eine grosse Eintönigkeit in der Namengebung. Der berechtigte Spott über diese selbsterwählte Armutei verdichtete sich in deutschen Landen zu der Sage von der Gräfin, welche 364 Kinder hatte; ihre Buben hiessen alle Hans und die Mädchen alle Grete. So konnte dann doch jeder Hans seine Grete bekommen, resp. jede Grete ihren Hans kriegen.

Wir stehen nun in der Untersuchung der Dörflinger Taufnamen in der Mitte des 16. Jahrhunderts und vermögen uns von der bisherigen Entwicklung der Namengebung ein ordentlich deutliches Bild zu machen, obwohl uns die Taufregister bis dahin fehlen. Mit Hilfe der Taufregister, die mit 1615 beginnen, werden wir noch deutlicher sehen. Wir wollen die Register in der Weise untersuchen, dass wir in jedem der folgenden vier Jahrhunderte das Jahrzehnt von 16-25 uns auf die verwendeten Taufnamen hin näher ansehen.

Wir beginnen mit dem Jahrzehnt 1616 bis 1625. Es war ein böses Jahrzehnt trotz des unermesslich vielen Guten, das es auch brachte. 1618 fing der 30 Jahre dauernde Krieg an, an dessen Ende die deutschen Lande, die der Kriegsschauplatz der fremden Heere waren, 2/3 ihrer Bevölkerung verloren hatten. Der Schweiz ging es dabei gut. 1620 der Veltlinermord, in welchem die reformierte Bevölkerung des bündnerischen Tals Veltlin von Spaniern und Oesterreichern umgebracht wurde. 1622 teure Zeit mit Hungersnot und grossem Sterbet wegen Missernte und Münzverschlechterung. Gegen die damit zusammenhängende Arbeitslosigkeit wurde die Mauer des Munot um 18 Schuh erhöht.

In diesem Jahrzehnt wurden auf Kilchberg bei Büsingen durch Pfr. Elias Murbach von Schaffhausen an Dörflinger Kindern 96 Knaben und 83 Mädchen, zusammen 179 Kinder, getauft, im Durchschnitt jährlich 18. Unter den Buben gab es 23 Hänse, d. h. jeder 4. Dörflinger Bub hiess Hans, 14 Konrade, 8 Michel und Hansmichel, 10 Kasper und Hanskasper, 10 Jakobe und Hansjakobe, 9 Marti, 6 Uli, 3 Andres, 2 Otti, 2 Baschi, 2 Felixen, 1 Adam, 1 Abraham, 1 Stephan und 1 Melchior, 1 Friedli und 1 Battwilhelm (Beat Wilhelm, so heissen oft die Imthurn im Junkerhaus zu Büsingen). Das sind 17 Namen für 96 Knaben. Es trifft 1 Namen auf 6 Knaben. Unter den 83 Mädchen hiessen 14 Ursula, und damit hiess jedes 6. Dörflinger Kind so, 13 hiessen Elsbeth und 13 Anna, 12 Marget und 12 Verena, 7 hiessen Barbara, 4 Eva, 3 Magdalen, 2 Veronika und je 1 Agathe, Kathrine und Christine; das sind 12 Namen für 83 Mädchen, es trifft 1 Namen auf 7 Mädchen. Das Jahrzehnt als ganzes sieht befriedigend aus in bezug auf Verteilung der Namen. Einzelne Jahrgänge dagegen leiden an Eintönigkeit, so weist der Jahrgang 1624 unter 15 Buben 6 Konrade und 5 Hänse auf, bleiben noch 4, die anders heissen. Warum dies Festhalten an einigen wenigen Namen? Nun, einmal war damals der Brauch die oberste Gottheit, die man über alles fürchtete und liebte, und dann wird auch der Neid dabei eine Rolle gespielt haben. Warum sollen wir nicht auch einen Konerädli haben, wenn diese und jene einen haben ... usw., so dachte man. Eine hellere Seite war auch dabei. Man fand es schön und ganz in Ordnung, dass man die guten alten Dörflingernamen festhalte, und ausserdem schuf die Gleichnamigkeit der Kinder ein wertvolles Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Dorfgenossen. Es hiess: Mir händ scho lang en Hans gha; etz händ di säbe und di säbe au an. Oder: Die und die händ scho sid fern und vorfärn en Koneret; etz häm-mir au an. Gibt es so was heute noch? Es ist nicht unmöglich.

Das Jahrzehnt 1716 bis 1725. Die gnädigen Herren und Oberen regieren zu dieser Zeit mit unwidersprechlicher Weisheit. Trotzdem geht immer etwas schief. So fangen 1717 die Wilchinger ihren 12jährigen Krieg an gegen die Gnädigen Herren um ihr gutes Recht. Ebenfalls 1717 schloss die hohe Obrigkeit 6 pietistische Pfarrer, Schaffhauser Bürger, wegen Separatismus aus dem geistlichen Stande aus. Sie mussten das tun, denn in der Staatskirche regierte der Absolutismus der reinen Glaubenslehre. Da konnte es kein bisschen Glaubens- und Gewissenfreiheit geben. 1723 erhält die Stadt Schaffhausen um den übertriebenen Preis von 2½ Millionen Franken (von 1940) von Oesterreich das Recht, die Reiathdörfer zu regieren, aber bloss leihweise; österreichisch sollten sie trotzdem bleiben.

In der neuen Kirche zu Dörflingen (seit 1689) wurden in diesem Jahrzehnt durch die Pfarrer Kaspar Heitz von Zürich (gestorben 1720), Joh. Martin Peyer von Schaffhausen (gestorben 1724), und Konrad Wiser von Zürich 79 Knaben und 55 Mädchen, zusammen 134 Kinder getauft, im Durchschnitt jährlich 13. Der Jahresdurchschnitt ist so gering, weil in ungesunden Jahrgängen die Kindersterblichkeit sehr gross war. So entfielen von den 15 Beerdigungen des Jahres 1721 ihrer 12 auf Kinder in zartem Alter. Von den 79 Knaben erhielten 18 die Namen Konrad und Hanskonrad, 16 Jakob und Hansjakob, 15 den Namen Hans, 7 Martin und Hansmarti, 5 Hansueli, je 3 hiessen Michel und Kasper und Fridli, je 1 hiess Hansheiri, Hansrudolf, Georg, Felix, Vit, Franz, Rüeger, Baltiser und Abraham. 17 Namen reichten für 79 Knaben. Es trifft auf 1 Namen 5 Knaben. Man ersieht aus dieser Namengebung, dass der Pietismus, der im Laufe des Jahrhunderts die meisten Pfarrer in Beschlag nahm, nur eine theologische Richtung blieb, die auf das Volk und seine Sitten ohne Einfluss war, darum fehlen pietistische Namen wie Philippus und Nathanael, Christlieb und Immanueal, Tabitha und Renata völlig. Von den 55 Mädchen hiessen 15 Anna, 10 Barbara, 7 Ursula, je 6 Margret und Elisabeth, 5 Verena, 4 Magdalena und 2 Annamaria. Es kommen 8 Namen auf 55 Mädchen, 7 Mädchen auf 1 Namen.

Das Jahrzehnt 1816 bis 1825. Die politische Lage und Stimmung dieses Jahrzehnts war sehr unbefriedigend, es war Restaurations-, d. h. Wiederherstellungszeit im Vaterland. Es war so: Me sött fürsi, aber me möcht hindersi! Das äusserte sich 1814 und 1826 in unbrauchbaren Kantonsverfassungen. 1831 und 1835 kamen bessere nach, aber nicht von selbst. 1816/17 war ein schweres Hungerjahr. 1820 ein kleiner, aber ernsthafter Krieg wegen des ersten Schaffhauser Steuergesetzes.

Von 1816-25 wurden in Dörflingen durch Pfarrer und Rektor Enderis 87 Knaben und 80 Mädchen getauft, durchschnittlich im Jahr 17. 20 Knaben hiessen Martin und Hansmarti, 18 Johannes und 17 Hansjakob. Diese 3 alten Dörflingernamen nehmen beinahe 2/3 aller Knaben in Beschlag, 55 von 87. Von den übrigen hiessen 9 Hanskonrad, 4 Kaspar, je 3 Heinrich und Michel, je 2 Hansulrich, Hansrudolf, Andreas, Bernhard und Veit und je 1 Adam, Friedrich und Franz. 15 Namen entfallen auf 87 Knaben, 1 Name auf 6.

So wenig wie vor 100 Jahren der Pietismus, das theologische Zeitalter gefühlvoller Frömmigkeit, so wenig äusserte jetzt der Rationalismus, d. h. das Zeitalter der Verständigkeit oder mindestens der Vernünftigkeit in Glaubenssachen, einen Einfluss auf die Namengebung. Rektor Endernis war ein charaktervoller Vertreter dieser theologischen Richtung. Aber die biederen Rufnamen rationalistischer Frömmigkeit wie Traugott und Fürchtegott, Lebrecht und Glaubrecht, Gottlob, -lieb, -hold und ?fried, fanden keinen Anklang bei uns. Es blieb beim alten Brauch.

Von den 80 Mädchen heissen 15 Anna, 14 Elisabeth, je 13 Ursula und Barbara, 9 Margret, 5 Verena, 4 Maria, 3 Magdalena, je 1 Justina, Katharina und Angela. 80 Mädchen teilen sich in 11 Namen, 1 Name fällt auf 7 Mädchen. Müdigkeit und Ratlosigkeit starren den kritischen Beschauer aus diesem misslichen Namenregister an. Genau dieselben Heiligen regieren noch die Namensgebung, wie vor 100, 200, 300 usw. Jahren. Aber die Heiligen sind mittlerweile verdrossen geworden. ??s isch jo glich we si hassed, wänn no die Zite besser wäred!? Vor 30 Jahren hatte man irgendwo grosse Revolution gehabt, doch die neue Zeit war trotzdem nicht gekommen. Aber sie war spürbar unterwegs!

Das Zeitalter der unkirchlichen Namengebung 1850-?