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Zunächst die Familie Schmid. Ein Name, ebenfalls von einem Beruf herkommend, und von was für einem Beruf! Nachdem endlich das Eisen ge- und erfunden worden war, blieben die Schmiede für lange, lange Zeiten die unentbehrlichsten Handwerker und Künstler, weil sie den Menschen wehrhaft machten. Ein Schwert zu besitzen, das härter und schärfer wäre als das Schwert anderer, das war während langer Zeitalter der höchste Wunsch jedes Mannes, und als endlich ruhigere Zeiten kamen und als schliesslich die Krieger zu Bauern und gar noch zu Bürgern wurden, blieben trotzdem die Schmiede unentbehrlich. Unsere Schmiede kamen ohne Zweifel von Diessenhofen oder Schlattingen her. Im Jahr 1554 waren ihrer drei hier sesshaft, ein Steffa, ein Bartlime und ein Henselman Schmid. 100 Jahre später sind es schon sechs Haushaltungen. Einer der Hausväter war Jakob Schmid der Schneider und sein Nachbar war zufällig der vorerwähnte Hans Schneider der Schmid. 50 Jahre später sind neun Haushaltungen Schmid hier. Aber von 1700 an geht es schnell wider bergab und um 1800 sind unsere Schmide verschwunden. Es kam dann und wann wieder einer aus dem Thurgau herüber, so unser letzter, ein auserlesenes Original, Joh. Jak. Schmid von Buch, Thurgau, 1821-1904. Rechnen war seine Leidenschaft, seine eigentlichste Lebensfunktion, und er rechnete gut. Erst gegen Ende seines Lebens kam er hierher über Diessenhofen und Schaffhausen. Er heiratete die Witwe Barbara Müller im Ochsen und baute sich bald gegenüber an der Landstrasse ein Haus, in das dann eine Enkelin heiratete. Als die Mühle abbrannte, baute er sie kurzerhand wieder auf. 76jährig erstellt er sich das erste der Häuder ob der Log du zwar noch an der Halde mit mächtigem Zementunterbau, und lebte dort also einige Jahre. Wie man einmal darüber lacht, dass er in diese verlorene Gegend hinein so ein unverkäufliches Haus gebaut habe, sagt er leichthin mit dem Blick nebenaus in die Ferne: Sind no zfride! Es sind denn schon o es paar Nare am Läbe, wenn i gstorbe bi, und chaufed denn da Hus.

Dann war hier auch zu Gast die Familie der Schneebli, wahrscheinlich von Gailingen herkommend. Snewli, d. h. Schneeli soll ein beliebter Rufname gewesen sein alamannischer Buben und Mädchen mit schneeblonden Köpfen und Zöpfen. Im Jahr 1646 finden wie diesen Namen erstmals hier und zwar gleich recht. Michel Schneebli ist einer der zwei Geschworenen, die mit dem Untervogt zusammen als die sog. Dreier den Gemeinderat und das Gemeindegericht bilden. Er führte auch das Amt des Säckelmeisters der Gemeinde, was damals am Ende des 30jährigen Krieges seine besonders grossen Schwierigkeiten hatte. Der schweizerische Bauernkrieg, der bald nachher ausbrach, beweist es. Schneeblis Frau war eine Marie Neithart, Conrad und Michel die Buben, Marie Mesmer die Magd. Während mehr als 300 Jahren waren die Nachkommen dieser Familie für uns eine wertvolle Leihgabe der grossen Nachbargemeinde. Kurz nach 1800 verschwinden sie und nur noch der Schneebliacker vor dem Müliweier erinnert an sie.

Es folgen die drei Familiennamen aus der dritten Namenquelle, also Namen, die von einer augenfälligen Eigenschaft oder Eigenheit ihrer ersten Träger in der Zeit ums Jahr 1300 herzuleiten sind.

Zunächst der Name Rühlin. Dass ums Jahr 1300 herum, zu einer Zeit, da es hier noch keine Betten und keine Fenster und keine Oefen und derartige weichliche Dinge gab, dass damals die werten Vorfahren im allgemeinen eher roh ? rau ? ruch aufwuchsen, ruch nicht bloss in Bezug auf Haut und Haar, sondern auch in bezug auf Herz und Hirn, in bezug auf Denk- und Sprechweise und ganze Lebensweise, das leuchtet ein. So gab es sich von selbst, dass damals jeder Hans hätte Ruchhans genannt werden dürfen. Aber falls einer unter all den Ruchen durch seine Rüchi hervorstach, so nannte man ihn bald bewundernd, bald tadelnd einfach de Ruch, und es gab solcher überall mehr als genug. In Diessenhofen und Gailingen nannte man sie Ruch, in Buch und Ramsen etwas sanfter Ruh; und ihre Jungen nannte man die Rühli. Aber die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen. Das gilt auch für die Rühli. Die Nachkommen jenes Heinrich Rülin, der schon im Steuerrodel von 1487 sich findet, samt seinen erwachsenen Söhnen Hans und Heini und den Töchtern Elsa und Anna, sie haben sich bis herab auf unsere Tage so sehr verändert, dass sie so wenig mehr richtige Rühli sind, so wenig als unsere Mässmer richtige Mesmer, unsere Suter Schuhmacher und unsere Schneider Kleidermacher. Der Name selber hat sich übrigens auch geändert. Einst wurde er gerade so geschrieben, wie er gesprochen wurde, Rüli. Aus dem Jahr 950 liest man sogar lateinisch von einem Unteroffizier, dem Wachtmeister Rülinus. Heute aber schreibt man Rühlin, d. i. der Rüli mit Grawatte und Händschen. Auf diese Weise wird die Welt immer besser. Allerdings nur ganz nach und nach, so wie die Kannibalen. Als diese gelernt hatten, mit Messer und Gabel die Menschen fressen, hielten sie sich für zivilisiert. Aber eine schöne Zeit muss es gewesen sein, als man einander den Namen gab und festsetzte: Da isch etz de Ruch und säb de Rau, de Risch, de Rasch und de Rösch. de Brütsch und de Frisch und de Frech und de Frei und de

Fröhlich. Was für ein anmutiger Name! Es wäre zu wünschen, dass die Träger dieses Namens durch alle Zeiten hindurch blieben, wie sie heissen, und ihrem Namen Ehre machten von Geschlecht zu Geschlecht, und dass sie zahlreich würden wie der Sand am Meer. Aber damit ist es bei uns leider nichts, denn unsere Fröhlich scheinen von alters her gar nicht gerne Hochzeit zu machen. Bei wieviel Eheschliessungen innert hundert Jahren macht bei uns wohl ein Fröhlich oder eine Fröhlichin mit? In dem zivilstandsamtlich sehr regsamen Jahrhundert von 1715 bis 1814 gab es hier und auswärts nur 6 fröhliche Burschen und 3 fröhliche Mädchen, die sich verheirateten! Also nur 9 Eheschliessungen in einem Jahrhundert bei den Fröhlichen, während in demselben Jahrhundert im Mesmergeschlecht 77 Eheschliessungen vorkamen, daran waren beteiligt: 38 Töchter Mesmer und 39 Söhne Mesmer. Und heute? Heute, 1939, befindet sich hier von jedem der beiden alten Dörflinger Geschlechter Mesmer und Fröhlich nur noch eine einzige Haushaltung von je 2 Köpfen; jawohl, die Zeiten ändern sich!

Aber was Fröhlich heisst, soll sich von seinem Namen weg nicht ändern. Fro ist ein gutes althochdeutsches Wort und bezeichnet das Bewegtsein der Seele von Wohlgefühl. Darum heisst das Tätigkeitswort froien soviel wie froh machen, und Froide ist das, was froh macht, und fröhlich ist einer, der dem Frohen glich ist, so dass man ihm das Frohsein ansieht ? wahrlich ein schöner Name! Unsere Fröhlich kamen uns wahrscheinlich vom Thurgau herüber. Der erste, der uns urkundlich begegnet ist der Clewy fröli im Staatssteuerrodel von 1487. Dies ist das Jahr, in dem Hans Waldmann, der gewaltige Bürgermeister von Zürich, dem Helden von Giornico, Frischhans Theiling von Luzern, den Kopf vor die Füsse legen liess, weil er wie ein rechter Ruchhans ihn getadelt hatte; und zwei Jahre darauf, 1489, geschah ihm selber dasselbe. Waldmann ist es gewesen, der zuerst die Bauern besteuerte, und zwar tüchtig. Unser Fröli steht natürlich nicht als Kapitalist im Steuerrodel; er ist darin der letzte. Ein steuerfreies Minimum gab es damals noch nicht, und darum zahlte er dem Waldmann 1 Schilling als Guetstür, das sind 5 Fr., und als Libstür zahlte er für sich und sein Weib 10 Schilling, das sind 50 Fr. ? Das war ein grosses Geld für einen kleinen Mann, und die Frau sah wohl, dass er über den Schrecken hinwegkam. Sowieso quält es sie, dass sie ihn 25 ganze Fr. gekostet hat. Leise sagt sie ihm, dass der Hans Hug für seine Frau auch 25 Fr. Libstür habe zahlen müssen, und doch sei sie schon seit 10 Wochen unterm Boden. Da schaute er sie aus seinen runden Augen gross an und es leuchtete darin auf, und innig sagte er: O du bist noch viel mehr wert als nur 5 Schilling! Komm, wir wollen fröhlich sein! ? Ein junger Fröhlich war meine erste Dörflinger Bekanntschaft vor genau 71 Jahren. Es war ein freundlicher, stiller Schüler, der neben mir an meiner Eltern Tisch sass; denn sie dachten wohl, wo es für zwölfe langt, reiche es auch noch für einen dreizehnten. Aus dem strebsamen, sanften Heinrich Fröhlich, geb. 1856, wurde noch ein Dr. phil. und Lehrer in Basel. Leider ist er schon vor 20 Jahren gestorben. Auch seine Gattin, Marie Huber (ihrem Vater, dem Tuchhändler zum Palmzweig, Vordergasse 14, in Schaffhausen, gehörte der hiesige Hereberg) und auch der einzige Sohn starben früh. Es ist eine wehmütige Sache, sehen zu müssen, wie ein guter Zweig an einem alten Stammbaum plötzlich abstirbt, und doch geschieht das immerfort.

Der Mann, der mir damals die Bekanntschaft mit dem jungen Fröhlich vermittelte, war auch ein Dörflinger, ein Näher und doch kein Suter und auch kein Schneider, obwohl er mir die ersten Hosen baute, sondern er gehörte zu dem letzten noch nicht erwähnten alten Dörflinger Geschlecht, er war ein Vögelin. ? Wenn ich mir jenen liebenswürdigen Kleiderkünstler vom Jahr 1867 lebhaft vorstelle, so könnte ich mir wohl denken, dass der Name des Vögelin-Geschlechtes von einer charakteristischen Eigenschaft seines Stammvaters herzuleiten sei. In den Oberhof zu Schaffhausen kam er zu uns auf die Stör. Das grosse Haus mit weitem Hof und Galerien, in der damaligen Brudergasse, der heutigen Stadthausgasse gelegen, Haus Nr. 13, gehörte dem Johann Georg Sigg, Maler und Glasermeister, gest. 1878, einem Glied des Schaffhauser Bürgergeschlechts Sigg, einem Nachkommen des erwähnten Ludi Sick in der Krone vom Jahre 1530. Friederich Vögelin war klein von Gestalt, er wippte deutlich auf seinen Beinen, die ein wenig gebogen waren, seine Bewegungen waren stets rasch und doch gar nicht hastig. Nach seiner Ankunft in unserer Stube lief er flink noch hierhin und dorthin, lebhaft und freundlich plaudernd, schwang sich dann flugs auf den Tisch und bald flog sein Arm blitzschnell auf und nieder, fast so schnell wie ein Vögelein mit seinen Flügeln zuckt. Dass ich einmal einen Konflikt mit ihm hatte, meinen ersten Dörflinger Konflikt, weiss ich nur daher, dass meine älteren Schwestern mich noch nach Jahren damit aufzogen. Ich war dem lebhaften Kinderfreund auf dem Tisch wahrscheinlich zu ruhig, er wollte einmal mehr Leben in die Bude bringen, machte eine hurtige Bewegung am Wasserbecken und sofort füllte ich das Haus mit dem zornigen und oft wiederholten Protest: Nidili hät mi apützt! das hiess: Schneiderlein hat mich angespritzt! Das war allerhand von dem dreijährigen Knopf, den Mann anzuklagen und zugleich zu beschimpfen! Es war eben der erste Dörflinger Spritzer, der mich traf, drum nahm ich ihn noch zu wichtig, und doch war er nur zum Scherz geschehen und mit ganz sauberem Wasser. Späterhin lernte ich Dörflinger Spritzer hinnehmen, fast ohne mit der Wimper zu zucken, auch wenn sie gar nicht zum Scherz und nicht mit sauberem Wasser kamen; doch sie sind alle längst vergeben und fast vergessen. Item, leichtfüssig und leichtbeschwingt, friedfertig und frohmütig, vögelileicht und vögeliwohl, das wird die beneidenswerte echte Vögelin-Art sein.

Unsere Vögelin kamen ohne Zweifel von Diessenhofen. 1415 wird dort Clewi Vögeli als ein vornehmer und reicher Ratsherr genannt, und im Jahr 1405 hat ein Walther Vögeli für dortige kirchliche Zwecke, wohl für Messelesen, ein Vögelins Pfrundgut gestiftet. Es ist vermutlich dasselbe Gut, welches 150 Jahre später in der Vogtkernen-Gült von 1554 als Vögelis Gut aufgeführt ist und an Vögelins Kinden und Bartlime Schmid, Konrad Oberhuser und Marti Huber verlihen ist (lauter Diessenhofer Namen in Dörflingen). Zu dem Gut gehörten Haus und Hof (1703 sind es schon 4 Häuser) aussen im Dorf, Haus und Schür ob der Strass, Hof und arten unterhalb, 16 Jucharten Acker in jeder Zelg, dazu 6 Jucharten Wiesen und 5 Jucharten Holz ? ein schöner Fleck Dörflinger Boden, eine komplette Hube! Der erste Vögeli auf Dörflinger Boden begegnet uns in dem erwähnten Steuerrodel von 1487. Die Haushaltungen besteht aus Heinrich Fögelin, siner mueter, Elsi seiner schwöster und Hans sim knecht. Es wird ein junger Mann gewesen sein mit früh verwitweter Mutter, einer rüstigen Schwester und dem Knechtlein. Die Gutstür beträgt 5 Schilling, die Libstür 15 Schilling.

Falls übrigens dieser Familienname in Diessenhofen entstanden sein sollte, so könnte er gleich den vielen andern Familiennamen aus der Vogelwelt vom Wohnort, hier vom Wohnhaus her gekommen sein. Wie kam man dazu, Menschen Geier und Adler, Strauss und Gauss (gleich Gans, Hahn und Fink und Pfau, Vogel und Vögeli zu nennen? Etwa so. Ums Jahr 1200 war das Städtchen Diessenhofen schon der Markt für seine Umgebung. An der einzigen sehr breiten Strasse, die als Marktplatz diente, und an den beiden Hintergassen stand ein schmales hölzernes Haus neben dem andern, alle einander ähnlich oder gleich; wie sollte man da den einzelnen Krämer oder Handwerker finden, da sie alle nur Hans, Heiri u. dgl. hiessen! Zahlen oder Nummern an die Häuser zu malen, hätte nichts genützt, man konnte ja weder Zahlen noch Buchstaben lesen. Aber Gegenstände, Tiere, Vögel malte man über die Haustüren oder zwischen die Fensteröffnungen und dann fand man den Hans im Habicht und den Heiri im Vogel Strauss, und bald redete man, anfangs im Scherz, nachher im Ernst, kurzweg vom Hans Habik und vom Heiri Strauss. Einer aber wollte den wunderbaren Vogel Phönix an sein Haus malen, und zwar selber. Doch das Kunstwerk misslang so gründlich, dass die Nachbarn über diesen Phönix sich krumm lachen wollten. ?Wohl, wohl, man sieht, dass es ein Vogel sein soll!? so trösteten sie ihn, ?und du wonsch etz eifach im Vogel, und bisch de Vögili!?

Der Name war einst sehr beliebt, und er lebt noch in der ganzen deutschen Schweiz. Als ein Zeugnis seiner Beliebtheit kann man ansehen, dass z. B. anno 1498 ein Hans Schütz genannt Vögeli hier lebte, d. h. also: er hiess Schütz, nannte sich aber Vögeli! Es kam nämlich anfangs sehr oft und noch lange vor, dass einer seinen Familiennamen wechselte. Diese Namen waren ja nur Zunamen und gewöhnlich völlig überflüssig. Das hören wir deutlich aus den Urkunden heraus, wenn es 1536 noch heisst: Hans und Peter die Rülin, Ueli und Hans die Huber u. dgl., d. h. zum Ueberfluss nennt man noch den Familiennamen. 1535 heisst es: Uli Sigg und sin Bruder Hans Keller. Der Bruder nennt sich wahrscheinlich mit dem Familiennamen der Mutter. Ein Hanloser, genannt Wintzeler, zu Gailingen hat 1643 eine Waldung neben dem Landenberger, die noch lange die Winzeler-Hölzer hiess. Dass es seine Gründe haben konnte, wenn einer zwei Familiennamen führte, das zeigt der erwähnte Schütz, der lieber Vögeli heissen wollte. Er hatte zu Martini 1498 an den Rat zu Zürich appelliert gegen das Urteil des Ossinger Gerichtes, dass er dem Barfüsserkloster zu Schaffhausen für 9 Jahre den Grundzins schuldig geblieben sei. Er hatte behauptet, er sei den Barfüssern überhaupt nichts schuldig. Aber der Zürcher Rat schickte ihn heim mit dem Urteil, dass das Gericht zu Ossingen ?wol und rechtlich geurteilt und der Schütz übel geapoliert habe?. Dieser Schütz hatte also daneben getroffen, wenn er als Vögeli seine Zinse hatte wollen schuldig bleiben; der Deckname half ihm nichts.

Schliesslich sind noch zwei Familien zu nennen, die zwei, resp. ein Jahrhundert hier ansässig sind, die Mettler und die Müller. ? Mettler ist ein Herkunftsname, wie Vonau, Auer, Hallauer, Schlatter u. dgl. ? Unsere Mettler kommen von Mettlen, einem Oertchen von 15 Häusern an der jungen Thur, hoch oben im Toggenburg, zu Ebnat gehörig. Im Jahr 1759 meldet das Fertigungsprotokoll, dass die Gemeinde die Mühle an Abraham Mettler von Wattwil verkaufte um 2250 Gulden, das sind etwa 25000 Fr. von heute; die Kaufsumme soll innert 8 Jahren abgetragen werden. Aber unsere Mettler lieben rasches Wort und rasche Tat und ihr Erzvater Abraham von 1750 hatte es schon so. Kommt er uns nicht ganz bekannt vor, wenn wir erfahren, dass er einige Wochen nach dem Mühlekauf, am 24. Januar 1760, vom Nellenburger Amtmann zu Stockach zu einer kräftigen Busse verdonnert wurde? Es heisst in der Urkunde: ?Dem Aberham Mitler zu Dörflingen wegen ausgestossener Schimpfreden wider den herrschaftlichen Afterzoller in Bisslingen 4 Gulden 34 Kreuzer Straff?. Wie kam er zu diesem Maulkorb? Etwa so. Als Käufer der Mühle hatte er sich bei der kaiserlich-königlichen Landesobrigkeit in Stockach vorstellen müssen und dabei hatte seine ehrliche, gerade Republikanerseele gefährlich viel hinunterschlucken müssen. Aber die Mettler wissen auch, was sich gehört und können sich zusammennehmen. Doch als er endlich, endlich den Schlagbaum unterhalb Büsslingen gegen Hofen zu hinter sich hatte, tat er schnell die paar Schritte über das steinerne Biberbrücklein und wusste sich nun wieder auf Schweizerboden. Da drehte er sich und leerte seinen Kropf so gründlich über den Schlagbaum hinweg, dass es der hohen königlich-kaiserlich-apostolischen Obrigkeit 40 Fr. wert schien. Und dazu kamen noch ein bisschen Spesen für die Bürokratie im Betrage von Fr. 5.60. Mit der Freude an der Mühle war es aus. 1762 verkaufte Mettler sie der Gemeinde wieder; 200 Gulden, das sind 2000 Fr. teurer, als er sie gekauft hatte. Martin Suter, des Vogts Jakob Suters Sohn, kauft sie von der Gemeinde um 1000 Fr. billiger und verkauft sie 1766 wieder um 1000 Fr. teurer. Darob entsteht ein Krieg zwischen der Gemeinde und Marti Suter, der damit endet, dass er den Mehrerlös mit ihr teilt. Meister Niklaus Mettler, Lehenmüller in Diessenhofen, ein Bruder des Abraham, ist diesmal der Käufer, der beim Kauf 2 grosse Goldstücke als richtiges, wirkliches Trinkgeld der Gemeinde geben muss und viel Zwing und Bänn wegen der Mühle auf sich nimmt. Seither sind die Mettler bei uns geblieben und es ist ihnen wohl bei uns und über unsern ?Herren-Mettler?, J. Mettler-Schudel im Luegisland, und seinen allzeit bereiten Helferwillen sind wir seit langem alle froh.

Bleibt noch die Familie Müller, ein Berufsname. Eine Thaynger Familie Müller wurde in Gennersbrunn sesshaft und von Gennersbrunn her siedelte Andreas Müller, geb. 1809, hieher über und führte die Wirtschaft zum Ochsen. Mit dessen Enkel Paul Müller hat diese Familie unser Dorf wieder verlassen, im April 1940.

Wenn wir rückblickend das Kapitel von unsern Familiennamen überschauen, so stellt sich uns vielleicht die interessante Frage nach etwa vorhandenen charakteristischen Familienunterschieden. Auf derartige Fragen wird man nach 100 Jahren viel besser Antwort geben können als heut, denn die Charakterologie als Wissenschaftszweig steckt heute noch ganz in ihren Anfängen. Man steht immer noch vor ihrem ersten Lehrsatz: Alles Aeussere ist Ausdruck eines Inneren.

Dass es bestimmte Familienunterschiede zwischen den erwähnten Dörflinger Familien gebe, ist keine Frage. Sie als bleibende Verhaltensunterschiede in Worte zu fassen, scheint aber zu schwer. Die Unterschiede sind zu fein und die Worte zu grob. Es ist aber immer wieder möglich zu sagen: Das ist nun ein echter Sigg! oder: Das ist nun recht suterisch gedacht! oder: Das ist nun richtig kellerisch gehandelt! Also wesentliche Familienunterschiede sind offenbar noch vorhanden. Sie lagen von jeher und liegen immer noch begründet in Blut und Plasma. Indem diese in der Lebensgeschichte der Familien sich beständig mischen, werden die Unterschiede natürlich verwischt. Wenn ein Suter in den 15 Generationen seit 1500 sieben Sigginnen als Stammütter besitzt, wieviel seines Wesens ist dann noch echt suterisch? Und ein Keller kann im gleichen Zeitraum aus sechs verschiedenen Familien je 2 Stammütter gewonnen haben!

Also im Jahr 1544 wird es viel einfacher gewesen sein als heute, anno 1944, die Unterschiede nachzuweisen. Und 1000 Jahre früher, nehmen wir an, waren sie noch viel deutlicher, und waren nachweisbar begründet in stammes- und volksmässig verschiedenem Blut und Plasma. Damals, also ums Jahr 450, wanderten Alamannen in unser Land ein, starkknochige, schwere Menschen, hellblond und blauäugig. Noch reichlich sassen damals im Land die Helvetier, lang und schlank, rotblondlockig und hell. Und neben ihnen war auch nicht wenig Römisches da, Mittelitaliener, leichtbewegliche Menschen in schwarzem Kraushaar. Die meisten Einwohner aber waren noch von früher her da, eher klein, mit festen breiten Köpfen, dunklem Haar und Auge, Nachkommen eines Volks aus der Bronzezeit, 2000 Jahre früher, das von den Alpentälern her das Land bevölkerte. Diese Völkerschaften leben in unsern Familien weiter in unendlicher Zerteilung und Mischung. Und immer: das Aeussere ist der Ausdruck eines Inneren! und das wird so bleiben.

Und wie wird das noch werden im Dörfli, im Städtli, zu Stadt und Land? Antwort gibt uns die Geschichte vom Stägefässli, die, wenn ich nicht irre, von Meister Gottfried Keller her stammt. Sie lautet etwa so:

Anno 1865, in jenem gesegneten sonnigen Jahrgang, als aller Wein Micheeliwein war und jeder Vierling 3½ Saum brachte und der Rote durchweg 99 Grad Oechsli zog, schaffte sich ein Hausvater ein neues dreisäumiges Stägefässli an und füllte es mit dem köstlichen Tropfen. Und wenn es einen guten Tag zu feiern gab, so holte er sich daraus einen Schoppen für sich und die Mutter und den guten Freund. Und jedes Jahr, anfangs Februar, füllte er mit dem Neuen, so wie Gott und die Reben ihn gegeben, das Fässli wieder auf. Wieviel 1865er hatte er dann am 1. August 1891 noch im Stägefässli? Antwort: 1865er war gar keiner mehr drin, aber alles, was drin war, schmeckte noch nach dem 65er und erfreute der Menschen Herz wie rechter Festwein.

Stosst an ? Dörflingen, das Stägefässli, lebe noch lang! es ist noch 65er drin! hebt ihm Sorg! nur nie mit Kunstwein und geringem Zeug nachfüllen!