Beitragsseiten

Eine andere interessante Reihe ist die Reihe unserer Dorfvögte, geordnet nach ihren Familiennamen. Seit 1549 wurden die Untervögte durch den Anderfinger Obervogt oder Landvogt ernannt und zwar stets aus der Zahl der hiesigen Bürger. Seit 1799 heissen sie Präsidenten, d.h. Vorsitzende, und werden durch die Gemeindeversammlung frei gewählt. Ich zähle von 1549 bis 1944, also während rund 400 Jahren, ihrer 26. Davon gehören 14 dem Siggen-Geschlecht an, dem Geschlecht der Suter 5, der Huber 3, der Keller 2, Rühlin und Schneider je 1, die beiden letztern in neuester Zeit. Also auch da haben die Siggen ein ganz bedeutendes Uebergewicht, dreimal soviel wie die Suter, fünfmal soviel wie die Huber.

Der namhafteste Sigg ist auch der namhafteste Dörflinger. Es war Jean Sigg, in Genf, 1865 ? 1922. Er war ein Enkel des Hamarti Sigg, Wagner, in Zürich geboren, Lehrer in Genf, 1898 ? 1929 Arbeitssekretär der welschen Schweiz und als solcher 1912 ? 1920 Mitglied des Nationalrates, 1920 des Ständerates für Genf, starb 1922. Sein Sohn, mit 30 Jahren Universitätsprofessor in Lausanne, starb schon 1920. Das waren, wenn nicht Sigfriede, d.h. Durch Sieg Frieden bringende, so doch Sigharte und Sigberte, d.h. durch Kampf und Sieg starke und glänzende! Ehre, wem Ehre gebürdet!

Die Reihe der Dörflinger Familiennamen, welche Berufsnamen sind, beginnt mit den Sutern. Die Frage: Womit werden wir uns kleiden? ist eine echt menschliche Frage, eine Frage wie der menschlichen Würde, so auch der menschlichen Schwäche. Jahrhundertelang haben auf Dörflinger Boden Hausvater und Hausmutter diese Frage für ihr Haus beantwortet, indem sie, der Vater aus Tierfell und Leder, die Mutter aus Gewebe von Schafwolle oder Pflanzenfasern die Kleidungsstücke erschufen. Im Herrenhof aber fanden sich Leibeigene, welche besonderes Geschick für derartige Arbeit besassen und sie auch für andere besorgten. Als später hier ein Dörfli und dort ein Städtli geworden war, führte die Teilung der Arbeit wie von selbst zum Handwerk. Und der Handel brachte schöne neue Stoffe, brachte auch Geld und Muster und Ideen ins Land, so vermochte dann die Bekleidungskunst einen steilen Aufschwung zu nehmen. Vom 12. Jahrhundert an durch den Rest des Mittelalters hindurch und nachher ers recht scheinen die drei Stände der Christenheit, in die damals das ganze Volk sich schied, der Nährstand (Bauer und Bürger), der Wehrstand (Politik und Militär) und der Lehrstand (Geistlichkeit und Gelehrte) eine kindliche Freude an auffallender Gewandung gehabt zu haben. Hatten bisher die Neyer, die Näher und Neher alle Kleidung, auch die Fussbekleidung angefertigt, so schieden sie sich jetzt. Die, welche das Guttuch zerschnitten und es zu künstlichen Gewandstücken zusammenfügten, nannten sich stolz Schneider in der Meinung, dass erst ihre Kleider wirklich Leute machten, und die Schere wurde ihr Wappen.

Die anderen Näher wollten nicht zurückbleiben und nannten sich stolz Suter, d.i. lateinisch und heisst auf deutsch ? Näher. Das war etwa, wie wenn heute ein Schneider sich Tailleur nennt, d.i. französisch und heisst auf deutsch ? Schneider. Und wie jetzt das französische Wort der Idee ruft, dass der Tailleur vielleicht in Paris sich auskenne, so rief damals das lateinische Wort der Vorstellung, dass der Suter vielleicht im Kloster sich seine Kunst geholt habe. Denn die Klöster hatten Zeit und halfen durch ihre geistlichen und noch mehr durch ihre Laienbrüder, Bärtlinge genannt, mächtig mit bei der Entwicklung der Handwerke. Seit die Näjer aus einem runden Stück Kuhhaut ein Paar Halbschuhe gemacht hatten, war es mit der Suterei ein total anderes Ding geworden, im 13., 14., 15. Jahrhundert! Die Gelehrten wollten weiche, nach dem Fuss geformte Schuhe, die Ritter hohe, harte Reitstiefel, die Bürger sog. Kuhmäuler, die vorn sich breit in eine Falte legten. Die Herrensöhne aber verlangten Schnabelschuhe, die vorn in eine Spitze ausliefen, die schnabelförmig ausgezogen und zurückgebogen wurde, und ihre Damen begehrten bunte Schuhe, rot und gelb und blau und vorn rechts lang und spitz. Eine schöne Zeit für die Schuhkünstler! Ihres Wertes bewusst, liessen sich diese Schuhnäher gerne Schuhsuter nennen, was zu Schuster abgekürzt wurde, auch Schüchzer oder Schubert oder Schumann war ihr Name. Aber der älteste Name Suter scheint mir der schönste zu sein, und wenn ich in den Urkunden die ursprüngliche Form Sutor antreffe, so macht es mir immer besondere Freude. Cunrat Sutor, Uli Sutor klingt mir römisch kraftvoll. Unset alamannischer Dialekt ist auch zu loben, dass er immer Suter und Süterli schreibt, der burgundische dagegen scheibt Sutter und Sütterlin, der schwäbische Sauter und Säuterle und Seiterle.

in allen Kantonen der Schweiz sind die Suter vertreten. Als hervorragende unter ihnen nennen wir den Aargauer Komponisten Hermann Suter, gest. 1926, den Innerrhödler Landammann Franz Anton Suter, enthauptet 1784, den Basellandschäftler General Suter in Kalifornien, gest. 1880, und den grossen Bärenjäger Christian Suter in Begrün, gest. 1880. Als erster Dörflinger Suter begegnet uns im Steuerrodel von 1487 Conrat Suter, der an libstür (Kopfsteuer) für sich, sin wib und sin mueter 15 Schilling, also 25 Fr. auf den Kopf zahlt. An guetstür (Vermögenssteuer) zahlt er 5 Schilling, d.h. er war gut situiert. Unser vorzüglichster Suter war, soviel ich weiss, bisher der Untervogt Hans Conrat Suter, der während des ausgehenden 30jährigen Krieges mit Pfr. Tonsor zusammen viel Gutes zustande brachte. Er war einer jener borbildlichen Gemeindebürger, die nie zufrieden sind, nämlich nie zufrieden mit dem, was zum Wohl der Gemeinde schon getan ist. Sie wissen und wollen immer etwas, das jetzt noch fehle. Sie haben immer einen Plan parat, von dem sie sagen: Die Sache ist gut, ist nötig, ist ausführbar, man mag sie prüfen, wie man will! jetzt muss man einfach einmal damit anfangen, es wird sich dann weisen! So machten sie es 1638 mit dem Neubau des Kirchleins, so machten sie?s 1644 mit der Schule, bis die Stadt Zürich 1646 zuhilfe kam. So machten sie?s 1646 mit dem Pfarramt, bis 1651 die Städte Zürich und Schaffhausen die Angelegenheit auf ihre Rechung nahmen. Hans Conrad Suter, wir grüssen dich! wir ehren dich!

Es folgen die Keller. Keller ist ein Amtsname. Das eingedeutschte lateinische Wort Kellarius bezeichnete den Verwalter des Kellariums, d.h. des Vorratshauses oder ?raumes in einem Herrenhof. Im mittleren Mittelalter nämlich gehörte in unserer Gegend sehr viel Land grossen geistlichen und weltlichen Grundherren. Dieser Besitz war meist nicht zusammenhängend, sondern bestand aus vielen einzelnen Häusern und Höfen. Zu deren Beaufsichtigung setzte z.B. der Abt eines Klosters einen Oberbauer ein, der über dem klösterlichen Besitz in seinem Umreis wachte. In der mönchischen Sprache hiess er der villicus maior, d.h. der grössere Bauer und wurde kurzweg, zwar nicht Major, aber Maier oder Meier genannt. Dieser führte also die Aufsicht über die Bewirtschaftung der ihm unterstellten Gutshöfe und hauptsächlich über den Eingang der Grundzinse und sonstigen Abgaben an Geld und Naturalien, von denen er einen Teil als Entschädigung für sich behielt. War sein Aufsichtskreis recht gross, so gab man ihm einen oder mehrere Keller als Unterbeamtem die den Einzug und die Einkellerung der Grundzinse an Getreide, Wein, Gemüse, Hühnern u.a.m. besorgte. Der Grundherr selber pflegte des Jahrs zweimal auf den Meierhöfen sich einzufinden (und das war jeweils eine wichtige Festlichkeit), um Recht zu sprechen, und das hiess meistens, um Bussen auszusprechen und einzuziehen. Natürlich suchten Keller, wie Meier ihr Amt auf Kind und Kindeskind zu vererben, was ihnen auch oft gelang, und eben darum gibt es noch heute so viele Keller und noch mehr Meier in der Welt. Hiegegen hat es scheint?s nicht viel geholfen, dass schon im 14. Jahrhundert die Klöster weder Meier noch Keller mehr einsetzten, und warum dies? Weil diese Beamten mit ihrer grossen Sach- und Menschenkenntnis und Erwerbstüchtigkeit den Herren Aebten oft sehr unbequem und teuer wurden. An ihrer Stelle wählten dann die Klöster Ammänner oder Vögte als Verwaltungsbeamte mit festem Gehalt, wie der Klostervogt Conrad Kym im Oberberg zu Dörflingen ums Jahr 1480 einer war. Wir Schweizer aber schätzen unverändert die Meyer und die Keller hoch, besonders wenn sie Konrad Ferdinand und Gottfried heissen.

Unsere Dörflinger Keller begegnen uns urkundlich 10 Jahre nach dem Clewi Sytz von 1436. Am 15. Mai 1446 nämlich funktioniert ein Conrat Keller von Dörflingen im Auftrag des Nonnenklosters Sankt Agnesen zu Schaffhausen als Maier, indem er im Hof Murbach zu Gericht sitzt und mit des Klosters Leibeigenen Recht spricht. Der Amtmann von Sankt Agnesen klagt vor ihm, dass zwei Brüder Zan miteinander den Hof haben, währenddem der Lehenbrief ausdrücklich nur einen Lehensmann zulasse. Das Urteil gab dem Kläger recht. Dieser Konrad Keller ist wohl derselbe, der 40 Jahre später als Cunly Keller im Hof Murbach sitzt und vom Kelnhof und anderem Gut ans Kloster Allerheiligen massenhaft Grundzinse abliefert. Er hat mindestens seine 70 Jahre auf dem Buckel. Und eben darum, weil er ein altes Mannli geworden und doch immer noch ein Schaffer und Regierer ohnegleichen ist, darum nennt man ihn in der Gegend bewundernd mit dem Kosenamen Cunly. In derselben Urkunde von 1489 wird ein Hans Keller erwähnt mit dem Zusatz ?itzt vogt?. Das wird wohl Konrads Sohn sein, und jener Hans Keller ?genannt Sigg? und dessen Bruder Uli, die 1535 fest dahinter sind, die noch vorhandenen Rütinen auf Dörflinger Boden auszustocken, werden wohl Kunlis Enkel sein. Und Hans Keller, der Dörflinger Untervogt von 1545 bis 1575, wird des Kunlis Urenkel gewesen sein. Eine tüchtige Rasse, nicht wahr? Die hiessen nicht nur Keller, sondern sie waren wirklich tüchtige Verwalter und gute Haushalter. Einer ihrer Nachkommen, Johannes Keller, Untervogt 1757 ? 72, der in der kritischen Zeit vor 1770 unserer Gemeinde wertvollsten Dienst tat du um seiner Charakterfestigkeit willen von Oesterreich verfolgt und sogar für vogelfrei erklärt wurde, verdient besondere Ehrung. Man ist versucht zu sagen: Schade, dass die Keller nicht zahlreicher wurden! Im Jahr 1536 zählen wir nur zwei Haushaltungen Keller und um 1836 6 Haushaltungen, und das war ihre höchste Zahl. Als Haupt einer der 6 Haushaltungen von 1836 wird der alte Vit Keller angeführt, der 20 Jahre darauf 94jährig starb. Er war geboren 1762 und starb 1856. Vielleicht haben einige der geneigten Leser in Gedanken korrigiert, indem sie schnell nachzählten und feststellten, dass wir ja heute (1944) nicht nur 6 Keller-Haushaltungen, sondern 8 zählen, also 2 mehr als 1836? Zu meiner Rechtfertigung muss ich geltend machen, dass es sich in diesen Ausführungen um die alte Dörflinger Namen handelt. Dass im Juli 1852 mit Martin Keller von Thayngen, dem gewesenen ersten Hausvater der Erziehungsanstalt Friedeck in Buch, die Thaynger Keller sich bei uns ansiedelten, war uns ohne Zweifel ein Gewinn. Sie sind auch durch Blut und Boden längst ein wenig dörflingerisch geworden. Aber sie selbst werden es am wenigsten bestreiten, dass sie auch noch thäyngerisch sind.

Und nun die Huber. Diesen vielverbreiteten Namen wird man am besten als Berufsnamen auffassen, und dann bezeichnet ein Huber einen Normalbauer. Ums Jahr 1000 herum nannte man Huber einen Bauern, der vor andern dadurch ausgezeichnet war, dass sein Land, sei?s Lehen sei?s Besitz, eine Hube ausmachte, d. h. das normale Mass bäuerlichen Besitzes, das bequem ausreichte, um die Bedürfnisse einer grossen Familie zu decken. Eine solche Hube setzte sich zusammen aus einer Hofstatt mit Haus und Garten und allen zugehörigen Rechten, mit 40-48 Jucharten Ackerland und Wieswachs, gleichmässig auf die drei Zelgen verteilt, dazu die Nutzungsrechte an Allmend und Wald und Weide. Es war ein beneidenswerter Vorzug, ein richtiger Huber zu sein und zu heissen, und er ist?s heute noch!

Die Huber sind natürlich überall gewachsen, so weit die deutsche Zunge klingt, und die meisten unserer Kantone, besonders Basel und Bern, Genf, Luzern, St. Gallen und Zürich, weisen mehr oder weniger hochgeschätzte und berühmte Huber auf. Ich darf nicht anfangen, sie aufzuzählen! Unsere Dörflinger Huber sind uns wahrscheinlich von Diessenhofen her gekommen, wo sie hoffentlich heute noch gedeihen. Der schönste Huber, den ich je gesehen, war der Diessenhofer Stadtammann Huber-Hohermut, der in den unvergesslich schönen Aufführungen des Volksschauspiels ?Karl der Kühne und die Eidgenossen? vom Jahr 1900 den Herzog Karl glänzend gab. Dass er auch ganz den Ansprüchen des Dichters Dr. Arnold Ott entsprachen, kann ich bezeugen, denn dieser war in jenen festlichen Tagen wiederholt Gast im Dörflinger Pfarrhaus. Die Diessenhofer Huber, die dem Städtchen manchen trefflichen Beamten gestellt haben, sollen dort ums Jahr 1515 von Luzern her eingewandert sein. Zu gleicher Zeit treffen wir erstmalig in Dörflingen die wohlhabenden Brüder Hans und Adam Huber. 40 Jahre später haben die Söhne dieser Brüder eine ganze Reihe unserer schönsten Güter als Lehen in Händen, so des Schützers Gut, Meisenlocks Gut, das Spendgut und Kilchgut, das Oeningergütli u. a. ? Ein Enkel, Marti Huber, ist der erste Dörflinger Untervogt aus dem Hubergeschlecht, 1575-1600. Der zweite, 200 Jahre später, 1772-98, ist Kaspar I., und der dritte Hubersche Untervogt ist Kaspar II., 1835-43. Unser urkundlich erster Huber, anno 1515, hatte etwas von dem damaligen energischen Bedürfnis der Stadtbürger nach Freiheit mit aufs Land herausgebracht und wollte seinen neuen bäuerlichen Gemeindegenossen im Dörfli eine Gasse ins Freie machen. Er hob gegen den letzten Abt von Allerheiligen einen Prozess an, weil der Abt es nicht gestatten wollte, dass er ein Stück Reben aus dem ihm geliehenen Schützergut als Pfand für ein Gelddarlehen verwende. Huber verlor den Prozess in erster Instanz zu Dörflingen, ebenso in zweiter Instanz zu Ossingen, und damit war die Sache entschieden. Wir werden wohl sagen, dass er sachlich völlig im Recht war. Er hielt es für recht und gut, dass ein Bauer, der das ihm geliehene Land redlich baut und den Grundzins und die übrigen Abgaben redlich entrichtet, über sein Lehen sollte verfügen dürfen, das Eigentumsrecht natürlich vorbehalten. Solche Ideen lagen damals, im Jahr vor dem grossen süddeutschen Bauernkrieg (1525) in der Luft. Sie setzten sich auch noch in jenem Jahrhundert in der Nordschweiz durch, so dass, da der Bauer als Lehensinhaber faktisch der Besitzer war, indem nicht mehr die Aecker, sondern deren Grundzinse gekauft und verkauft wurden, das Land nicht mehr Lehen, sondern nur ein dinglich belastetes Eigentum war. Huber wollte das 100 Jahre vorher schon so anerkannt sehen, was eben nicht möglich war. Einer seiner Söhne , der Baschion, d. h. Sebastian, führte auch gerne Krieg gegen Autoritäten und zwar in rabiater Weise, so wegen dem Vogtsbrünneli, wobei er ungeniert seine zwei Obrigkeiten, den Landvogt zu Nellenburg und den Landvogt zu Andelfingen, gegen einander ausspielte. Auch dieses gute alte, nun entschwindende Dörflinger Geschlecht hat, ähnlich wie die Keller, von auswärts, nämlich vor 40 Jahren aus Horgen, Zuzug erhalten, sodass wir heute (1944) nicht nur eine, sondern zwei Familien Huber zählen.

Es folgen die Mesmer. Dass das ebenfalls ein Berufs- und Amtsname ist, leuchte ein, und die Bedeutung des Namens ist klar. Der eigentliche Sinn des Wortes aber ist allgemein unbekannt. Mesmer ist ein lateinisches Wort, aber gründlich deutsch frisiert. Mansionarius nannte die Kirchensprache den Mann, der die mansio, französisch maison, die Wohnung neben der Kirche als Entgelt für seine Dienstleistungen benützen durfte. Mansionarius ist also der Hauser oder Hüttler. Die deutsche Zunge machte dann aus mansionarius Mesner oder noch bequemer Mesmer. Es scheint mir, dass es in der Christenheit bis heute schon unzählig viele Mesmer gegeben haben müsse, sehr viel mehr als z. B. Meier, und doch begegnet man ihm geradezu selten. Sieht man sich z. B. die reichlich 3000 Namen des eidgenössischen Staatskalenders 1939 an, so finden sich darin nur zwei Mesmer, allerdings gewichtige, nämlich eidgenössische Obersten. Warum ist der Name selten? Der Hauptgrund wird wohl in einer ausgemachten Unbeliebtheit des Mesmers, will sagen des Mesmeramtes und seiner Geschäfte liegen. Das Uebernatürliche scheint dem Mesmer etwas ganz Natürliches geworden zu sein, und das geht dem natürlichen Menschen gegen die Natur oder ist ihm mindestens entschieden unsympathisch. Die Mehrzahl unter uns wird froh sein, nicht Mesmer zu heissen. Doch diejenigen, die nach Natur- und Zivilgesetz nun einmal heissen, was tun sie? Sie schützen sich mit einer richtigen Mimikri, mit einer Schutzfärbung, mit einem Schutzschreibfehler, welcher bewirkt, dass der Leser an einen richtigen Mesmer gar nicht denkt. Aslo, sie heissen Mesmer, nenne sich selber so und werden so genannt, aber sie schreiben sich Messmer, was sprachrichtig ausgesprochen unbedingt Mässmer heisst. Das ist bei ihnen ganz allgemein so Brauch. Man sehe daraufhin z. B. das Verzeichnis der schweizerischen Postcheckinhaber durch, so findet man in Zürich nur 1 Mesmer und 4 Mässmer, in St. Gallen sogar 7 Mässmer und keinen Mesmer. Dass der berühmteste aller bisherigen Mesmer, der Arzt Franz Mesmer, 1734-1815, der Entdecker des tierischen Magnetismus und Begründer des Mesmerismus, die Schutzfärbung verschmähte, scheint mir selbstverständlich. Wie konnte die Mimikri aufkommen? Die Mesmer selber spielten dabei die führende Rolle. Sich selber mit dem unansehnlichen Schluss-s mitten im Wort zu schreiben, war ihnen unnatürlich. Wenn sie sich mit dem langen deutschen s schrieben, das von unten nach oben gezogen wurde, so liessen sie das s in einem so schönen Haken auslaufen, dass man es für ein ß nehmen musste. Schrieben sie sich richtig mit ß oder ss, so bedeutet dies, dass sie in den geheimnisvollen Hintergrund ihres Namens sich schicken, aber ohne daran zu glauben, woran ihr ss erinnert: z?Rom läseds alltag e Mäss, dass de grösser de chliner nid fräss.

Unsere Mesmer scheinen von Gailingen her gekommen zu sein. 1475 begegnet uns ein Ulrich Mesmer in Gailingen. Der dortige Leutpriester verkauft ihm mit Genehmigung des Abtes von Allerheiligen eine Hofstatt um 14 Pfund und kauft mit dem Geld für das Kloster einen Weinberg. 1536 hat Fridli Mesmer 2 Jucharten zu Lehen auf den Dörflinger Löhren. 1554 hat Hans Ower genannt Mesner (alle Achtung vor diesem Schaffhauser Klosterschreiber! ein einziges Mal unter hunderten ist das Wort richtig geschrieben) die andere Widem zu Gailingen inne. In der Kernengült von 1554 ist noch kein Mesmer in Dörflingen erwähnt; aber 100 Jahre später sind sie neben den Siggen das zahlreichste Geschlecht. Da sie also in den Zeiten schärfster Gegenreformation, heftigsten Gegensatzes zwischen katholisch und reformiert, von Gailingen nach Dörflingen übergesiedelt sind, ist als sicher anzunehmen, dass sie nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus ideellen kirchlichen und religiösen Beweggründen zu uns herüberkamen. Die Führenden waren Leute, denen Gewissens- und Glaubensfreiheit ein wertvolles Gut war. Im Jahr 1646 sind sie in 7 Haushaltungen mit 17 Kindern in Dörflingen vertreten; die Taufnamen der Kinder sind schon ganz dörflingerisch Hans, Marti und Michel, Anna und Barbara, Ursula und Verena. Freilich, noch kein Dörflinger hat eine Mesmerin zur Frau. 1709 sind sie mit 13 Haushaltungen neben den Siggen mit 15 Haushaltungen immer noch das stärkste Geschlecht. im 18. Jahrhundert haben sie auch beinahe 100 Jahre die Schule in ihrer Hand durch die Schulmeister Hans und Michel und Conrad. Der letztere, jung in holländischem Kriegsdienst, seit 1764 im Schuldienst, damals auch noch eine Art Kriegsdienst, starb 70jährig im ärgsten russischen Kriegstrubel 1799. Seine Witwe durfte vorläufig im Schulhaus bleiben bis ihr Sohn, Jakob Mesmer, Schuster, zum Sigerist erwählt, als solcher in das Haus einzog. Dieser war nun wirklich ein vollendeter Mesmer, d. h. er war der Hauser, dem das Kirchen- und Schulhaus zur Besorgung übergeben war, und dazu hiess er noch Mesmer und war sogar noch Mesmer, obwohl man ihn Sigerist nannte, weil er sowieso schon Mesmer hiess!

Es folgt der letzte unserer Familiennamen, die sich von einem Berufsnamen herleiten, die Schneider. Von den Schneidern war beiläufig schon die Rede in Verbindung mit den andern Nähern, den Schuh-Sutern, den Meistern vom Pfriem, von denen sich die Schneider als die Meister von der Schere absonderten. Man konnte es je länger desto weniger ohne Schneider machen. Die steigende Zivilisation führte zur Ueberschätzung der Wahrheit, dass Kleider Leute machen. Man glaubte schliesslich, die Kleider machten die Leute. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser Familienname in der ganzen deutschen Schweiz stark verbreitet ist. Im Kanton Schaffhausen soll er während des 15. Jahrhunderts auffallend stark vertreten gewesen sein. Nach Dörflingen kam er erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Im Jahr 1646 findet sich bei uns der erste Träger dieses Namens, es ist Hans Schneider, der Schmied. Seine Frau ist eine Anna Schilling; Anna, Verena und Barbara sind die Töchter. Mit mehr als zwei Haushaltungen waren sie, soviel ich sehe, bei uns nie vertreten. Es wurde

ihnen vielleicht immer wieder zu eng im Heimatdörfchen. Damit stimmt überein, was mir ein Alter widerholt vom Schneidergeist erzählt hat. Auf Befragen, was das sei, erklärte er, das sei die Freude am Besonderen und am Grösseren. Möge dieser Geist nur nie aussterben unter uns und auch nie ganz auswandern! Ein besonderes Vergnügen hat es mir gewährt zu sehen, dass dieser Familienname in unsern Protokollen usf. niemals, mit einigen Ausnahmen vom Ende des 18. Jahrhunderts, Schnider oder Schnyder, sondern korrekt Schneider geschrieben wurde (weil man ihn eben auch richtig sprach!) Darin steckt eine sehr erfreuliche Respektierung nicht nur des Namens, sondern auch des jeweiligen Namensträgers.

Als Gäste waren für 2 bis 3 Jahrhunderte zwei Familien in Dörflingen heimisch, deren Namen sich hier alphabetisch anschliessen.