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Unsere Familiennamen

Und nun sehen wir zu, wie die Leute heissen, die seit Jahrhunderten dieses Dörflein bewohnen. Wir haben neun Familiennamen, von denen ein Kenner des Schaffhauserlandes sagen wird, das sind Dörflinger Namen. Es sind diese: Sigg und Suter, Keller und Huber, Mesmer und Schneider, Rühlin, Fröhlich und Vögelin. Auch diese Namen alle haben ihren bestimmten guten Sinn und es ist für uns viel dahinter. Ihre Träger haben während mindestens vier Jahrhunderten, von 1500 bis 1900, das Schicksal unseres Dorfes mehr oder weniger gestaltet und getragen. Wie lang sie das in Zukunft noch tun werden, ist ganz ungewiss. Einige von ihnen sind gegenwärtig am Verschwinden, ein Grund mehr für uns, sie wenigstens in Wort und Schrift noch festzuhalten.

Wie ist es überhaupt mit Familiennamen? Heutzutage bringt bei uns ein jeder seinen Familiennamen sozusagen mit auf die Welt und erhält dazu noch seinen Personenamen. Das war früher nicht so. Einst kam man namenlos an, erhielt da seinen Rufnamen und brauchte nicht mehr. Das Volk lebte in Stämmen und die Stämme in Sippen, d. h. in Blutsverwandtschaften gegliedert beisammen, auf der Wanderung, im Krieg und im Frieden. Der einzelne war nur ein Glied der Sippe. Er war tatsächlich nicht namhaft, es sei denn, dass er sich einen Namen machte, indem er sich im Guten oder im Argen auszeichnete. Auch als der Stamm einmal sesshaft geworden waren, reichte der Ruf- oder Personennamen aus, um einen genügend zu kennzeichnen und von den andern zu unterscheiden, denn des Volks war noch gar nicht viel, und man war sehr sesshaft, vielfach buchstäblich an die Scholle gebunden, und nur ausnahmsweise kam der einzelne über den engen Kreis hinaus, darin er bekannt war. Daher heisst im Italienischen noch heute der Familienname eines Menschen nur sein cognome, d. h. Zuname, sein eigentlicher nome ist sein Personenname.

Es war lange Jahrhunderte hindurch im ganzen Lande so, wie es bis vor kurzem noch in unserer dörflichen Gemeinschaft war und vielleicht noch ist. Man redete vom Heinerich und vom Uelerich und vom Friederich und jedermann wusste, wer gemeint war. Falls aber dieser Personenname nicht ganz ausreichte, so fügte man noch des Vaters oder des Grossvaters Namen hinzu und redete von des Klausen Karline und des Georgen Ernst und des Hansen Marie, von des Chueretlis Konrad oder von des Hanneslis Elise. Oefters war es zweckmässiger, den Beruf oder das Amt des Mannes oder seines Vaters zu nennen, man redete dann einfach vom Schmied oder von des Vitewebers und von des Holzvogten. Oder man fügte zum Personennamen das Wohnquartier oder das Haus hinzu, also Koneret im Neuhus oder Marti im Hereberg. Ausnahmsweise endlich bediente man sich auch charakteristischer und gar nicht bös gemeinter Spitznamen wie de Fideeli, Suri, Senkrecht, Oberluft. Damit haben wir die vier Quellen genannt, aus denen in aller Welt alle Familiennamen geflossen sind, als die schnell wachsende Bevölkerung und der zunehmende Verkehr einen nähere Bezeichnung über den Personennamen hinaus nötig machte. Die vier Quellen sind also der Personenname, der Berufsname, der Wohnortsname und der Spitzname. So sind bei uns die Adeligen etwa seit dem Jahr 1000, die Bürger von 1200 an und die Bauern vom Jahr 1300 an zu ihren Familiennamen gekommen.

Von einem Personennamen stammt bei uns der Familienname Sigg. Wie sehr unsere Vorfahren in stetem Kampf standen und nach Sieg trachteten, bezeugen uns die überaus zahlreichen Personennamen für Knaben und Mädchen, die mit dem Wort Sieg zusammengesetzt wurden, wie Sigbert, Sigfried, Sighart, Sigmar, Sigmund, Sigwart usf. und die entsprechenden Mädchennamen. Es ist begreiflich, dass es allgemein üblich war, beim Rufen solcher Namen nur das erste Wort, die erste Silbe zu gebrauchen, also die Knaben kurzweg nur Sigo oder Siggo zu rufen, die Mädchen statt Sigberte, Sighilde, Sigrune, Sigwine nur Siga oder Sigga, Sigi oder Siggi, Siggissli oder Sizli usf. So erklärt es sich, dass die 13 Siggen, die in den Zürcher Mannschaftsrodeln zum Pavierzug von 1512 und nach Marignano 1515 notiert sind, Siffried und Sifrig und Sigli heissen. Aus dieser Kurzform Siggo ist bei uns der Familienname Sigg geworden , wie anderwärts die Namen Sick, Sickel, Sigle, Sytz und Seiz, und ebenso die bekannten Ortsnamen Siggen und Siggingen du Sickingen, Siggental, Signau, Siglisdorf u. a. Vergleichsweise sei erwähnt, dass ebenso aus Kurzformen altdeutscher Personennamen die bekannten Familiennamen Hatt und Hug und Heer und Ott und Rupp und Wipf u. dgl. entstanden sind.

Der Name Sigg könnte also als Personenname schon 1500 Jahre lang und als Familienname 600 Jahre lang bei uns heimisch sein. Er ist im Mittelalter sehr reichlich vorhanden in der ganzen Herrschaft Andelfingen. Urkundlich begegnet uns aber unser erster Siggo erst im Jahr 1311 als ?Sifrit der Dorfelinger Ulrichz des zimberman sun?. Also der Personenname erst vor 600 Jahren! Er scheint ein höchst ehrenswerter Mann gewesen zu sein, dieser erste Siggo. Er gehörte zur Familie der Freien oder Adeligen im Dörfli du heiratete eine Jungfrau, die eine Leibeigene teils des Klosters Rheinau, teils des Freiherrn Conrad v. Tengen war, obwohl er wusste, dass er damit sich in dieselbe doppelte Leibeigenschaft begab. Doch dieser Freiherr, einer der reichsten und angesehensten Männer des Landes, gab es ihm am 9. März 1311 schriftlich, dass er ihn zum Dank für viele gute Dienste freigebe. War das vielleicht von vornherein so abgemacht worden? Und die übrige, noch fehlende Freigebung für ihn und sie wird auch noch erreicht worden sein. Der nächste Sigg ist der Clewi (Niklaus) Sytz in Dörflingen, der am 21. Mai 1436 bei einem Kauf in den Raitenwiesen mitwirkte. Anno 1524 hat ein Jacob Sigg von Diessenhofen hier Besitz. Anno 1535 sind hier vier Dörflinger Siggen erwähnt. Von Diessenhofen her sind unsere Siggen vermutlich zu uns gekommen. Dort haben sich bald nach 1500 zwei Brüder Hans und Lazarus Sigg, zwei Priester, übel berühmt gemacht. In Basadingen war nämlich anno 1529 die ganze Gemeinde reformiert geworden. Nur der Pfarrer, Kaplan Hans Sigg, war katholisch geblieben und blieb auch im Pfarrhaus sitzen, denn die Frauen im Katrinental hatten das Recht, dort den Pfarrer zu setzen. Bis 1532 waren in Diessenhofen nur noch wenige Bürger katholisch geblieben und diese wenigen wollten eines Tages ihren Kaplan Lazarus Sigg mit Gewalt zum Pfarrer machen, obwohl er sich durch Heiratsabsichten auf eine reiche Diessenhofer Witwe schwer blamiert hatte. ?Wie nun derselbig von Geylingen schon in die Stadt kommen, haben sich eine grosse Schar evangelischer Weiber mit Stangen, Gablen und Küblen und andern Kuchiwaffen erhept, sind für das Hus, darin der Pfaff war, gezogen, haben ihn herausgenommen und mit grossem Gelächter und Spott wiederumb zum Tor hinausgetrieben?. Solche konfessionelle Katzbalgereien kamen damals neben ernsthaften Zerwürfnissen sehr oft vor im Gefolge des unglücklichen Kappeler Friedens von 1531. Hoffentlich kommt bald die Zeit, da man auch auf katholischer Seite über solche Kämpfe um Glaubensfreiheit in naiveren Verhältnissen vergnügt lachen kann.

Genau um dieselbe Zeit machte auch in Schaffhausen ein Sigg viel von sich reden, aber nicht etwa unrühmlich. Ludi Sick, er kam offenbar von draussen rein, verkaufte 1529 das Haus zum grossen Engel, Fronwagplatz 22, das seiner Frau durch Bürgermeister Barter zugekommen war, um 110 (goldene) Guldin. Und 1531 verkaufte er das grosse Gasthaus zur Krone neben der St. Johanniskirche. Das war ein Sigg von entweder viel Geld oder von viel Courage! Für Courage spricht der Umstand, dass man ihn Vendrich nannte und dass er vom Rat als Ersatzfähnrich für den Zug nach Kappel im Oktober 1531 gewählt wurde.

Die Siggen haben seit vier Jahrhunderten entschieden das zahlenmässige Uebergewicht der Gemeinde. Ein Vergleich der Haushaltungen Sigg und Suter aus vier Jahrhunderten zeigt folgendes Bild:

1536:

4

Siggenhaushaltungen

2

Suterhaushaltungen

1634:

13

Siggenhaushaltungen

6

Suterhaushaltungen

1689:

25

Siggenhaushaltungen

10

Suterhaushaltungen

1709:

15

Siggenhaushaltungen

10

Suterhaushaltungen

1836:

46

Siggenhaushaltungen

13

Suterhaushaltungen

1939:

20

Siggenhaushaltungen

8

Suterhaushaltungen

Also von Anfang an ist in der Regel die Zahl der Siggenhaushaltungen mindestens doppelt so gross wie die Zahl der Suterhaushaltungen und dabei fällt auf, wie schwankend die Zahl der erstern und wie konstant die Zahl der letztern ist.