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Unsers Dorfes Name

Beinah wäre unser Dorf ohne Name geblieben. Es hiess während ein paar Jahrhunderten in seiner Umgebung einfach ?s Dörfli, weil es eben wirklich klein war und dazu: einem Städtli sein Dörfli. Aber Dörfli war doch kein Name, wenngleich nachdem schweizerischen Ortsregister es heute noch im Schweizerland 21 Ortschaften gibt, die so heissen. (Wie gut ist es, dass wir eine findige Post haben!) Dass eine Ortschaft ohne Namen ist, das ist so etwas wie ein Mensch ohne Schatten. Ihm fehlt ja deswegen eigentlich nichts, vielleicht ist ihm sogar wohler so. Aber den andern fehlt etwas an ihm. Wir sind deshalb wohl zufrieden, dass für unser Dorf einmal kurzerhand ein Name gemacht worden ist. Durch wen und wann und wie ungefähr, soll nun in Kürze berichtet werden.

Im Anfang war der Hof ? so fängt die Geschichte unseres Dorfes an, also anders als z.B. die Geschichte Gailingens oder Büsingens. Und der Hof war nicht etwa namenlos; er war vielmehr eine Zeitlang sehr namhaft und spielte bei hohen Herren eine Rolle. Uns allen ist vielleicht bekannt, dass ums Jahr 1050, also vor 900 Jahren, der fromme Graf des Zürichgaus, Eberhart von Nellenburg, in der Wildnis bei den Lächen, wo damals der Rhein sich in eine schauerliche Felsschlucht hineinstürzte, ein kleines Kloster zu bauen anfing. Mit dem Bau ging es rasch voran, denn Steinbruch und Sandgrube lagen kommod zu allernächst, da wo es heute Beckenstube und in der Grueb heisst. Doch mit einemmal hörte das Bauen auf. Graf Bertold von Zähringen erhob Einspruch dagegen im Namen des Bischofs von Bamberg in Bayern, denn das Land neben dem Bau sei bambergisch, ebenso die Steine und der Sand, die man bisher genommen. Indertat hatte etwa 45 Jahre vorher Kaiser Heinrich der Zweite aus dem Erbe des Herzogtums Schwaben verschiedenen Grundbesitz in dieser Gegend, zusammen mit dem Klösterlein Sankt Georgen in Stein, dem Bistum Bamberg vermacht, unter anderem eben auch jenen gewaltigen unfruchtbaren Föhrenbuck neben der wilden Rheinschlucht. Graf Eberhart schlug einen Tausch vor. Der Vorschlag wurde angenommen. Aber zuerst musste er schwören, dass der Tausch für Bamberg vorteilhaft sein werde, und damit das sicher sei, gab er freigebig für jede Juchart hiert zwei oder drei Jucharten dort her ?de suo proprio?, von seinem Privatbesitz, einem Landgut, beim Rodelinstein im Rheinhard gelegen. (Rodelinstein ist ein Versehfehler des hochbejahrten Schreibers, des Priesters Liutbald; es müsste heissen Roderichtsstein). Der Roderrichtsstein aber war eine wohlbekannte uralte Jägermarch. Es war der mächtige erratische Block, der viele Jahrtausende unterm Garbischbol auf unserm Stanacker lag, bis er vor etwas mehr als 100 Jahren spurlos verschwand.

Des Nellenburgers Landgut beim Roderichsstein, das war also einmal unser Dorfes Name. 50 Jahre darauf spricht eine Urkunde vom 14 Mz. 1102 von zwei Bauernhöfen, die auf diesem Gute stehen. Der Sohn jenes Zähringers von 1050 focht die Gültigkeit des Tauschvertrages an. Er meinte vemutlich, weil bei dem raschen Aufblühen von Markt und Münz und Stadt Schaffhausen jener wüste Föhrenbuck mit dem steinigen Klosterherrenacker darauf nun städtischer Baugrund geworden sei, dürften die Zähringer als Betrogene sich beklagen, und überhaupt wollten sie am Hochrhein jetzt im Ernst Boden fassen. Nach vielen Unterredungen in Schaffhausen verzichtet er aber und bekennt sogar, dass sein Vorgehen ein Unrecht gewesen sei, worüber sein Bruder , Bischof Gebhart von Konstanz, in der Urkunde Gott Lob und Dank sagt. Daran zu merken ist, dass der Angriff ernst gemeint war, was auch durch die grosse Anzahl von 34 Unterschriften edler Herren bestätigt wird. Und noch einmal, im Jahr 1122, nachdem zu Worms der grosse Krieg zwischen Kaiser und Papst mit einem Kompromissfrieden beendigt worden, wurde jener Tausch von 1050 bestätigt. Das war vermutlich nur die Einleitung dazu, dass Bamberg das Grundstück beim Roderichsstein mit Konstanz austauschtegegen ein entsprechendes näher gelegenes Besitzstück. Aber, wäre es nicht möglich, dass die Höfe beim Roderichsstein anderswo lägen als wie annahmen? nicht da, wo jetzt unser Dorf liegt? Keineswegs, denn den Anforderungen, welche von jeher an eine Siedlung gestellt werden, entspricht um jenen Stein herum nur und zwar vollständig jene breite sonnige wasserführende Mulde am Berghang, die zwischen Gisbüel und Ruchenbüel liegt, von den Bildsteinäckern bis zur Bratle reicht und Talgarten und Oberberg in sich schliesst. Dahinter zog sich sicherlich schon im Jahr 1100 die Zelg Hinderhofen, d. h. hinter den Höfen hin vom Galingerfeld bis zur Platte hinüber und zum Fallentor hinauf. Hier lagen die Häuser auch an der Strasse von Diessenhofen und Gailingen nach Bietingen, und mehr als das brauchten die Einwohner nicht von der Welt.

Neben den in der Urkunde von 1122 erwähnten zwei Höfen lagen da sicher schon eine kleine Anzahl weiterer Häuser und Hütten. Wir nehmen das an im Blick auf Gennersbrunn, wo nach dem Güterbeschrieb von Allerheiligen ums Jahr 1100 5 Bauernhäuser und einige Schuepissen lagen, und im Blick auf Büsingen, wo, allerdings s. z. s. auf Rechnung von Allerheiligen, 10 Bauernhäuser, dazu 12 weitere und 38 Hütten sich befanden und erst noch 2 Mühlen! Die erste Zahl, die uns über die Grösse des Dörflis allerlei erahnen und erraten lässt, stammt etwa aus dem Jahr 1300. Sie steht im sog. Habsburger Urbar und stellt fest, dass die Leute von Dörflingen von dem freien Gut, das sie bebauen, jährlich 40 Mutt Vogtkernen abzuliefern haben. Der Vogtkernen hiess die Naturalgabe, die die Bauern ihrem Vogt oder Gerichts- und Schirmherren zu entrichten hatten. Sie ist am ehesten als die mittelalterliche Militärpflicht-Ersatzsteuer zu verstehen und lag auf dem Land als unveränderliche und unablösbare Abgabe. Die 40 Mutt wogen 25¼ Kilozentner und entsprachen einer Fläche von 580 Jucharten bebauten Feldes(vgl. die Gült von 1554). Im Jahr 1917 bebauten die Dörflinger bei 427 Einwohnern 1080 Jucharten, also etwa doppelt soviel. Wieviele Einwohner hatte also das Dörfli anno 1300? Schwer zu sagen!

Interessant erscheint uns, den leicht Wandelbaren die Dauerhaftigkeit der Abgabe. Fast als ob es hinter der Sintflut geheissen hätte: Niemals, solange die Erde steht, nie soll aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Vogtkernen und Zehnten! Man sehe folgende Zusammenstellung. Im Jahr 1200 ging die Abgabe an die Grafen von Kiburg ab konstanzischem Boden. Im Jahr 1300 an die Grafen von Habsburg-Oesterreich ab österreichischem Boden. Im Jahr 1400 an die Herren von der Hohenlandenberg ab österreichischem Boden. Im Jahr 1500 an die Landenberger ab zürcherischem Boden. Im Jahr 1515 wird die Kernengült, der Schuldbrief des Vogtkernens als ein Wertpapier von der Stadt Diessenhofen gekauft und damit wird sie Vogt, Gerichtsherr und Schirmherr für das Dörfli und bleibt das 350 Jahre lang. Im Jahr 1798 wird die Schuld infolge des erwachten Freiheitswillens der Völker durch die helvetische Gesetzgebung für ablösbar erklärt, bleibt aber seit 1803 auf schaffhauserischem Boden liegen, bis im Jahr 1862 die Gemeinde durch die Zahlung von 14000 Fr., d. i. der 20fache Betrag des durchschnittlichen jährlichen Geldwertes, die Abgabe auf dem Rathaus zu Diessenhofen ablöst.

Damit ist der Name des Dorfes in der Hauptsache schon erklärt: es war dem Städtli Diessenhofen ?sein Dörfli?. Doch die Bindung durch den Vogtkernen war nur die äussere hübsche, feste Schale einer inneren, zeitweise fast totalen Verbundenheit des Dorfes mit der Stadt, und diese Verbundenheit beruhte vornehmlich auf äusserer und innerer Zusammengehörigkeit tüchtiger Menschen. Man erwäge, dass alteingesessene Geschlechter des Dorfes, die Siggen und Huber und Vögeli und Schmiden, ursprünglich von Diessenhofen her gekommen waren und die Geschlechterzusammengehörigkeit blieb immer lebendig. Man bedenke, dass neben diesen ansässig Gewordenen es zu allen Zeiten eine Anzahl von Stadtbürgern gab, welche Aecker auf Dörflinger Bann in Besitz oder in Pacht hatten und durch deren Bearbeitung mit den Leuten im Dorf eng verbunden blieben. Ihre Namen leben über Jahrhunderte hinweg in Flurnamen bei uns fort, im Engelhartsgarten und im Schiterma, im Chriechli und im Chrutliacker, im Hohschueler und im Rodertann und ebenso in den langlebigen Güterkomplexen wie Fischlis Gut, Kesslers, Schlossers, Vögelis Gut, Truchsessenpfrundgütli u. a. Und wie enge das Dörfli durch die Bedürfnisse des täglichen Lebens an den Markt und an die Kaufläden und Handwerke in Diessenhofen gebunden war, können heute nur noch die ältesten Leute im Dorfe verstehen. Alles, was im Dörfli nicht zu haben war, suchte man im Städtli, so unbefangenes Urteil, guten Rat und Trost, sehr oft auch das Geld in kleinen und in grösseren Posten. Arzt und Apotheker waren ja sowieso dort, und die Post kam von dort, und die Dörflinger Pfarrer wohnten während 2½ Jahrhunderten grösstenteils in Diessenhofen samt ihren Familien. Schaffhausen lag fern, fast wie in fremden Land. Kurz, die Fragen: Wo chunnsch her? wo gohsch hi? wo bisch gsi? wa chamme mache? wa häsch im Sinn, im Härz, im Chopf? hatten hunderttausendmal im Jahr in ihrer Beantwortung Bezug entweder aufs Städtli oder aufs Dörfli, die engverbundenen.

Ums Jahr 1250 trat einer der starken Männer jener Zeit dem Städtli, wie auch dem Dörfli als Freund nahe, das Schicksal beider nachhaltig bestimmend. Wir alle wissen von ihm. Vielleicht erinnern wir uns noch aus einem Lesebuch an Schillers Gedicht ?Der Graf von Habsburg?? Zu Aachen in seiner Kaiserpracht im altertümlichen Saale sass König Rudolfs heilige Macht beim festlichen Krönungsmale. Und die Künste schmückten das Fest. Der Sänger sang von seinem Grafen, der zu Pferde den Hirsch jagt. Er begegnet dem Priester, der zu einem Sterbenden eilen soll, aber durch den ausgetretenen Bergbach aufgehalten ist. Sofort setzt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd und reicht ihm die prächtigen Zäume, dass er die heilige Plicht nicht versäume. Und wie anderntags der Priester das Pferd dem Grafen wieder bringt, nimmt dieser es nicht an, denn ?ich hab es Dem ja gegeben, der mir Leib und Blut und Seele und Atem und Leben zu Lehren gegeben?. Von solch vornehmer Gesinnung war Graf Rudolf und grosszügig im Geben. Noch grosszügiger freilich im Nehmen, aber nicht aus der Narretei der Habgier, sondern aus der Lust des Starken, möglichst vieles zu ordnen und zu tragen dem Ganzen zugut. Die schweizerischen Urkantone bekamen das so stark zu spüren, dass anno 1291, als er gestorben war, ihre Führer sagten: So ?jetzt aber Schluss mit Habsburg!

Um 1250 war Graf Rudolf, geboren 1. Mai 1218, noch ein junger Mann. Er sah, dass die alte Welt der Ritterherrlichkeit und Bauernniedrigkeit zu Ende ging und er erblickte in den überall aufwachsenden Städten und ihren Bürgerschaften die Träger einer kommenden freieren und gerechteren Welt. Deshalb suchte er auch überall die Freundschaft der Städte, denn er hatte vielumfassende und hochzielende Pläne. So suchte und fand er auch die treue Freundschaft Diessenhofens wie Schaffhausens.

Oft und gern kehrte er im Truchsessenschloss zu Diessenhofen, im Unterhof, an. Da traf er wiederholt einen Mann aus dem Dörfli, den er bewog, sich als Bürger in der Stadt Schaffhausen anzusiedeln und dort neben seinem Handel in Grundstücken und Landesprodukten in diskreter Weise für Habsburg tätig zu sein. Der Mann war einer von ?den Freien?, wie sie im Dörfli sagten. Er hatte neben höflichem, verbindlichem Wesen etwas spürbar Freies und Selbstbewusstes an sich. Er gehörte eben zu einer bäuerlichen Familie, die aus uralter Zeit her vollfrei geblieben war und im Gericht nur den Grafen über sich hatte. Solche Leute waren damals eher selten und es pflegte ihnen wie an charakterlichen, so auch an geschäftlichen Tüchtigkeiten nicht zu fehlen. Seitdem aber durch den zunehmenden Handel und Verkehr das Geld häufiger wurde und die Naturalwirtschaft verdrängte, zogen sie wie die Ritter und andere Edelleute gern in die Städte, wo sie eher als auf dem Land das fanden, was ihnen fehlte, eben das Geld, und dazu hinter festen Mauern grössere Sicherheit.

Diesem Bauersmann und Edelmann zugleich gibt nun der Habsburger, in dessen Dienste er tritt, den rechten Namen. Er hatte bisher sich Cunrat im Dörfli genannt und unterzeichnet, ausnahmsweise Cunrat den Dörfler. Das passte aber dem Habsburger nicht. Ihr seid für mich Cunrat der Dörflinger! sagte er zu ihm. So seid Ihr auch als der Freie von Dörflingen Euresgleichen, dem Löhninger und dem Beringer, dem Uelinger und dem Schwaninger und den vielen anderen ?ingern gleichgestellt. Und so gebt Ihr auch gleich dem Dörfli einen brauchbaren Namen!

So hat vom ersten Dörflinger her das Dorf seinen Namen erhalten. Urkundlich erscheint der Name zum ersten Mal in dem lateinischen Vertrag zwischen dem Grafen Rudolf und dem Bischof von Konstanz vom 18. Juni 1264. Es wird darin um des Friedens willen festgelegt, dass Graf Rudolf die Güter und Besitzungen in Andolvingen, Geylingen und Dorfelingen, die der kürzlich verstorbene Graf Hartmann von Kiburg vom Konstanzer Bischof zu Lehen gehabt und nach Lehensrecht dem Habsburger übertragen habe, als Lehen behalten dürfe. Das hiess in den Plänen Rudolfs etwa: Die Strasse Winterthur ? Andelfingen mit Thurbrücke und Diessenhofen mit Rheinbrücke habe ich nun fest in Händen, und wer weiss, der Weg in die Welt wird vielleicht bald für mich in Diessenhofen anfangen! Es kam dann ungefähr schon so. Auffallend ist es, dass er Dörflingen auch haben will. Militärgeographisch, für den Kriegsobersten ist es völlig überflüssig, denn wenn er den einen Stiefel in Diessenhofen hat und den andern in Gailingen, so sitzt er fest im Sattel überm Rhein; wozu das Dörfchen nebendran? O es ist eine echt menschenfreundliche Liebenswürdigkeit des ausgezeichneten Menschen und zwar gegenüber dem Städtli, wie gegenüber dem Dörfli, und besagt: Ihr beide gehört für immer zusammen!

Diese lachende Liebeswürdigkeit des starken Mannes, den gerade zu jener Zeit die Zürcher zu ihrem Feldhauptmann wählten, erwies sich noch als unendlich wertvoll für unser Dorf, und zwar in folgender Weise. Es ist in bezug auf Dörflingen sicher schon unzähligemals die Frage aufgeworfen worden, woher es denn gekommen sei, dass die Stadt Zürich, da jenseits des Rheins, so weit weg in deutschem Land ein vereinzeltes kleines Dorf mit Feld und Wald sich erworben habe. Die Antwort lautet: Weil der Graf von Habsburg, der dann noch der ruhmvolle deutsche König und Kaiser Rudolf wurde, in dem Vertrag von 1264 Dörflingen mit Diessenhofen in menschenfreundlicher Laune zusammengenommen hat, darum ist das Dörflein trotz seiner Kleinheit und sonderbaren Isoliertheit als ein kiburgisches Erbstück immer respektiert worden und ist so auch zürcherisch und schweizerisch geworden!

Dörflingen ist ein Ganzes, aber das Ganze hat seine Teile. So liegt ein ansehnlicher Teil 5-10 Minuten entfernt oberhalb des Dorfes ganz im Grünen, im Neuhus oder in Neuhüsere wird dieser Dorfteil genannt, auf hochdeutsch Neudörflingen. Dieser Name will nicht besagen, dass in diesem Dörflingen nun alles neu geworden sei. Aber das sagt er, dass diese freundlichen schaffhauserischen Bauernhäuser an der breiten Landstrasse mit sattem grünen Hintergrund und mit dem Schmuck der Fruchtbäume vorn erst in der Neuzeit geworden seien, nämlich seit 1816 und besonders zu Ende der 1830er Jahre. Im Dorfe selbst werden drei Teile unterschieden, nämlich das Ausserdorf, vom westlichen Dorfeingang bis auf die Höhe der Trotte, darauf das Dorf, von der Trotte bis zur Einmündung der Hintergasse in die Dorfstrasse reichend und endlich das Hinterdorf, wegen seiner gebirgigen Beschaffenheit im Scherze das Tirol genannt, von der Hintergass bis zum östlichen Dorfausgang.

An Gassen sind zu nennen die Schöbergass, vom Dorfausgang bis zur Pünt, so genannt nach den Weingärten des Schöber. Dann die schon erwähnte Hindergass, vom Moser herunter bis zur Dorfstrasse. Sie setzt sich in der Kotgasse fort, deren Name allerdings seit etwa 50 Jahren ihrer Natur nicht mehr entspricht. Vorher aber trug sie wohl 500 Jahre lang den Namen mit vollem Recht, denn eine starke Wasserader, zeitweise ein Bach, zog sich einst dort hinunter. Die Vorfahren wussten sich, wie es scheint, dagegen nur mit sog. Speck zu schützen, d.h. mit einer gelegentlich erneuten Lage von Wellenbengeln, die das Gehen und Stehen und Fahren dort erst möglich machte. Bei der Anlage der Wasserversorgung kamen diese Speckschichten an den Tag. Die Kotgasse läuft in das Logsträsschen aus, was schönfärberische Anwohner jener Gasse ermutigte zu behauten, dass sie eigentlich an der Rheinstrasse wohnen. Eine Parallele zu dieser Gasse besitzt das Ausserdorf in der Brugass (mit ganz kurzem u auszusprechen), was Brunngasse bedeutet. Auch da liegen Wasseradern genug im Boden. Zwei derselben waren noch vor 40 Jahren, also vor der Wasserversorgung, in zwei hübschen Schöpfbrunnen aufgefangen. Das waren 1 ½ m tiefe Schachte, 1 m im Geviert weit, über der Erde 1 m hoch auf drei Seiten ummauert und mit einer Sandsteinplatte gedeckt. Auf der offenen Seite wurde das Wasser mit einem Schöpfkübel an einer Stange geschöpft. Der eine der beiden Brunnen lag im Kloster vor dem untersten Haus über dem Anfang des Unterbergsträsschens. Der andere lag auf kleinem freien Platz unterhalb des Pfarrhausgartens und stand in Verbindung mit einem grossen Trog zur Viehtränke. Daneben lag hinter mächtigen Findlingen und beschattet von gewaltigen Sülbirnbäumen der Wassersammler für Feuerlöschzwecke.

Wenn wir schliesslich noch das Märdergässli genannt haben, einst ein Stück der Hauptstrasse, die das Dörfli gegen Süden mit dem Städtli und mit Zürich, gegen Norden mit Stockach verband, nun aber längst zum vereinsamten Nebenweg geworden, auf dem die einzigen wilden Tiere, die wir noch haben, die Marder oder Märder nächtlicherweile randalierend hin und her jagen, so sind auch die Adern namhaft gemacht, durch welche immerfort das Leben unseres Dorfes pulsiert und im Gedenken an diese vertrauten Wege fügt sich von selbst der Wunsch zu dem Reim: Glück und Segen sei auf all diesen Wegen!