Beitragsseiten

Vom Wert der Flurnamen


Es scheint, dass ich die Flurnamen für wertvoll halte. Es sei mir gestattet zu erklären, warum. Kurz gesagt darum, weil sie ein eigenster und bodenständigster Besitz der Dörflinger sind, und zwar ein Besitz von solcher Bedeutung, dass man sagen kann, das Heimatgefühl der Dörflinger sei direkt auf diese Namen gegründet. Einen Gisbüel, einen Romebuck, eine Puläje und eine Baderwis, eine Bregezze und einen Schiterma usw. usw. gibt es nirgends auf dem Erdball ausser bei uns, darum sind diese Namen unser eigenster Besitz. Und ein ehrwürdiges Erbgut sind sie um ihres Alters willen. Die ältesten sind mehr als tausend Jahre alt und die jungen mehr als 400 Jahre, wie vorstehend gezeigt worden. Bloss noch unser Boden ist älter, und der verdient nicht ein Bauer zu heissen, der so bodenständigen Besitz nicht schätzt. Vielleicht ist ein Zeitalter eines geschichts- und traditionslosen Amerikanismus im Anzug. Was das Wort Heimat bedeutet, verlöre alsdann mit den Flurnamen seine beste Stütze. Die Güterzusarnmenlegung, die der Jahrgang 1944 / 45 uns bringt, ist gewiss eine notwendige Rationalisierung unserer landwirtschaftlichen Arbeit. Sie wird uns sicher einen Verlust an Flurnamen bringen und es gilt zu wehren, dass wir an ihnen nicht verarmen. Denn damit würden wir an Heimatgefühl verarmen und wir gerieten in Gefahr, dass der edle bäuerliche Beruf zu harter schnöder Geldmacherei entarte.

Wie sehr der richtige Bauer in Flurnamen leibt und lebt, fühlt und denkt, rechnet und träumt, hofft und fürchtet, weil eben das Land ihm aus lauter wohlvertrauten, mit charakteristischen Namen benannten Fluren sich zusammensetzt und so die Heimat für ihn gleichsam aus Flurnamen besteht, möge folgende kleine Skizze verdeutlichen.

Gäll, Vatter, du blibsch etz do? sagt etwas besorgt die Hausmutter nach dem z'Morgen um 1/2 7. Er chönnn denn gli noch de sibne, hät er gsat, de Landjeger. Es zuckt rätselhaft über das Gesicht des Angeredeten. Am Sonntag vor 8 Tagen war er im Gmandhus wider Willen Zeuge davon geworden, wie ein Galinger und ein Büesinger sich schlugen, und für sein Zeugnis in dieser Sache interessierte sich der Landjäger. Dem Hausvater aber ist das Gerichtswesen, die Rechtspflege mit Polizeiern und Advokaten, in der Seele zuwider. Wenn der Landjäger zur Seltenheit einmal zur Stubentüre hereinkam, war es ihm jedesmal, als käme der Teufel selber, um mit ihm anzubändeln. Hm, ich ha dänn no meh ztönd as uff de Landjeger zwarte! knurrte er vor sich hin. Ich gang em vilicht vergege, dänn chömmr die Sach underwegs abmache. Kurz vor 7 pressiert er mit langen leisen Schritten, eine Haue auf der Achsel, zum Haus hinaus das Bol hinunter, am Hansgarten vorbei, zur Baderwis, wo er heut früh das Grünfutter geholt hatte. Es ist anfangs Mai. Da steht er ein Weilchen herum und eilt dann unter dem Spitoler durch, wo er einen schönen Acker hat, auf die Landstrasse. Aber die Landstrasse hat er noch nie mögen. Schnell geht er über sie hinweg ins Schlatt und am Ratwisacker hinauf in den Romeboden, jedes Ackerstück auf seinen Stand aufmerksam schätzend. Dann hinauf auf den Romebuck, wo er den Blick lang nicht vom Chrutliacker unter ihm wendet, denn der ist ihm ein Liebling.

Der Landjäger kommt von Herblingen, also muss er vom Weiergässli her da vorbei. Es ist aber nichts von ihm zu sehen; er ist wahrscheinlich unterdes schon ins Dorf, denn es ist 7 vorbei. So sieht sich denn unser Mann seinen prächtigen Kleeacker an, der gleich hinterm Rome liegt, und verzieht sich dann langsam hinüber zu seinem Stanacker, wo ihm kräftige vielversprechende Gerste steht. Er schäffelt da ein bischen mit der Haue, bis er das Gefühl hat, es sehe ihn niemand, und dann ist er im Nu in den jungen Föhren des Garbischbols verschwunden. Das ist so etwas wie ein ideal gelegener kleiner Drumlin, auf dessen Höhe unter dichten Föhrenzweigen sich unser Bauer wie ausserhalb der Welt samt ihrem Gram und Glücke fühlt. Wie schön sieht sich von da aus die weite Flur der Felder, fast ringsum eingerahmt von hohem Wald! Und wie ein Garten ist das Land zu schauen - so kommt es ihm in den Sinn, und er nickt lebhaft dazu. Und vom Grundbuck an über Grosswis, Widum und Schueppis bis hinauf zur Puläje sieht er fleissige Menschen in segenschaffender friedlicher Arbeit. Wie gut kennt er die Leute alle, und wie gut ihre Arbeit, wie gut auch das Erdreich, das sie bearbeiten! Es überkommt ihn ein warmes Glücksgefühl, da er in anmutigstem lebendigem Bild vor sich sieht, welch einer achtungs- und liebenswerten Arbeitsgemeinschaft er in Freiheit und Frieden angehört. Dabei fällt ihm ein, dass aber auch jeder an seinem Platz seine Pflicht tun muss, wenn Freiheit und Frieden bestehen sollen, und da beisst ihn auf einmal das Gewissen. Unwillkürlich dreht er sich nach dem Weiergässli um - und sieht grad noch den Landjäger auf der Gennersbrunner Strasse in der Richtung Herblingen verschwinden.

Nun ist er richtig betroffen darüber, etwas Dummes gemacht zu haben. Aber sofort ist er auch entschlossen, die Dummheit wieder gutzumachen und stillvergnügt in diesem Entschluss geht er nun an der Leissen und an den Gruebreben vorüber ins Neuhaus, durch den Zwiegarten zum Moser und das Schrinerhäldili hinunter in sein liebes Haus. Da hatte man ihn natürlich eifrig gesucht. Die Tochter war durch die Schüfilireben auf den Buck geeilt und hatte nach ihm ausgespäht und da sie meinte, ihn über dem Bregezzebuck am Stagli im Grossacker zu sehen, war der Sohn schnell auf dem Velo hinuntergefahren und traf nun zurückkehrend vor dem Haus mit ihm zusammen. Ich gang dänn grad nochem Esse zum Presi und bring die Sach in Orning! Damit brachte er freundlich die Fragen und Klagen zur Ruhe. -

Kann man also nicht mit Recht sagen, dass die Heimat zum guten Teil in den Flurnamen gleichsam drinstecke? und dass einer, der mit der halben Anzahl von Flurnamen auskäme, seine Heimat nur halb kennte und schätzte und liebte? Und wer nicht recht einsieht, dass Flurnamen und Heimat so nah zusammengehören oder wieso an den Namen für unsern Boden soviel liegen soll, dem hilft vielleicht der Dichter auf die Spur: Es lyt a dir und mir, und drum lyts i dr Luft! Lueg, 's Land isch 's Bluemegschir und d'Heimet isch dr Duft! Kurz, die Flurnamen sind ein eigenstes, echtestes, bodenständigstes, nötigstes Erbgut, das den Nachfahren unvermindert zu überliefern jede Generation verpflichtet ist, auch wenn die Zeitumstände dem ungünstig sind.

Uns kommt zur Erfüllung dieser Pflicht der Umstand kräftig zuhilfe, dass wir dank der vorzüglich klugen und gewissenhaften Niederschrift des Diessenhofer Vogtkernens im Jahr 1554 den Sinn der weitaus meisten unserer Flurnamen vollkommen verstehen. Und dass Stadtschreiber Silvester Huber den Wortlaut der Namen damals ganz getreu aufgeschrieben hat, ist besonders dankenswert. Er gab der Mundart die Ehre, die ihr gebührt. Heut ist leider mancher der Meinung, reichsdeutsch sei allein gutdeutsch und schwyzertütsch sei schlechttütsch. Das ist ganz verkehrt. Und aus dieser ganz verkehrten Meinung heraus nur war es möglich, dass unsere schönen guten alten schafuserischen Flurnamen sich mussten "gutdeutsch" schreiben lassen und dabei zu Unsinn oder gar zu Blödsinn wurden, so unser Gisbüel zum Gichtbühl, die Brugass oder Brunngass zur Braungasse, der Banera oder Bannrain zum Wannenrain, das Vizli zum Fietzli usf. Muttersprache, Mutterlaut, klingst so wonnesam, so traut! heisst es mit Recht. Aber wir Schaffhauser sind in diesem Stück schlimm dran, denn wir können unsere Muttersprache gar nicht schreiben und nicht lesen. Die Recht- und Lätzschreibung ist dabei wahrscheinlich zu schwierig, so dass die Schule damit nichts zu tun haben will. Zu schwierig will da heissen zu natürlich und zu einfach. Z. B. ist nichts einfacher als zu schreiben de Hereberg und man weiss, was damit gemeint ist; aber die Wissenschaft fängt erst damit an, dass man entscheidet, ob das heissen sollte, der oder den Hehrenberg oder Heerenberg oder am ehesten den Herrenberg! Ich hoffe im Ernst, dass unsere Flurnamen uns auch dadurch noch wertvoll werden, dass sie helfen ein Loch zu machen in den falschen Wahn von schlechttütsch und guetdütsch.