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Im Oberberg


Das ist die zweite Rebflur, die wir erwähnen wollen, einmal weil sie wenigstens teilweise noch besteht und zweitens um eines Vertrages und um eines Prozesses willen, die beide uns interessante Einblicke gewähren in die Lebensweise, in die Denk- und Sprechweise hiezulande vor viereinhalb Jahrhunderten. Wir lassen dabei die Urkunden in ihrer reizend einfachen und kräftigen Sprache reden, nur wenig zurechtgestutzt und verkürzt.

 

Als die Stadt Zürich im Jahr 1434 unser Dorf käuflich erwarb, lebte hier ein grösserer Grundbesitzer, der von den Herren v. Landenberg als landgräflicher Vogt eingesetzt worden war, Cunrat Kym war sein Name. Er war der Sohn des Söldnerführers Heini Kym aus Bludenz im Vorarlberg, der mit seiner Kriegsbeute aus den Appenzellerkriegen (1401 - 1404) und durch die Gunst der Landenberger sich hier Land erworben hatte. Denn Kriegsdienst und Kriegsbeute waren damals noch ein lockender Weg für solche, die reich werden wollten. Der Enkel dieses Söldners von 1404 und der Sohn des Vogts von 1434 war im Jahr 1480 altgewordner Klostervogt von Allerheiligen in Dörflingen. Er hiess so, weil er nebenbei den Einzug der Zinsen und Zehnten des Klosters Allerheiligen in hier besorgte. Indem derselbe für seine alten Tage gut sorgen wollte, schloss er am 10. Mai 1480 folgenden Verpfründungsvertrag mit dem Kloster.

"Ich Konrad Kym von Dörflingen, vogt des gotzhuses von Allerheiligen, bekenn mit disem brieff, wie ich mich zu den erwirdigen geistlichen herrn verpfrundt hab. Dem ist also: Dass ich vogt sin und beliben sol, solang Ich das vermag oder es ainen herrn und abt bedunkt, dass Ich darzue tougenlich und gnugsam sye. Item mine herren abt und konvent solen mir och hinfür järlichs uf den maytag solang Ich vogt bin zehen pfund haller und stifel und schue, winterklaid und sumerklaid geben wie anderen ihren dieneren. Item und wenn ich nit mer vogt bin, so solen dieselben min herren mir all Fronvasten (= Vierteljahrsanfang) ainen guldin und klaider als obstat geben. Ich sol och an dem Nachtisch essen, und wenn ich den nachtisch nit erwarten wolt, so mag Ich mir alweg in der kuchi ain süppli und darzue ainen trungk lassen geben, damit Ich des nachtisches erwarten mag. Und ob ich zuezyten an dem Nachtisch nit essen wölt, so sol man mir min essen und minen win in min kamer geben. Item und wenn ich aine trungks win notdürftig bin (wohlverstanden: neben den obligatorischen 2 Mass per Tag!), es sye im tag wenn es welle, so sol man mir alweg ainen trungk wins geben, wenn ich darumb zu dem keller kom. Und ob und wenn ich krangk wurd, so sol man mir, durch erber dienst pflägnus tuen, mit kalt und warm essen und trinken, under und über für und liecht, und allen dingen, so dan ainem krangken menschen zuegehören. - Und um söliche pfrund und lipding hab ich den gedachten minen herren geben: Minen wingarten bi vierthalb juchart mit der trotten, so darzue gehöret, zue Dörflingen gelegen, so die Schützen zue D. von mir zu Lehen haben. Und ouch min hus, hofstatt und hofraiti genant wyngart, ouch zue D. gelegen. Dafür, dass järlich darab gang ain mutt kernen an die spend zue Schafhusen, sei ain juchart reben des jetztbemeldten wyngarten haft mitsamt hus und hofstatt. Und wen ich mit tod abgangen bin, so sol alles min verlassen guet, ligends und farends, nützit usgenornen, den obgenanten minen herren anheimgfallen syn."

So ermöglichten es die Reben im Oberberg, dass der brave alte Klostervogt Kym im Pfrundhaus zu Allerheiligen mit andern Gutsituierten einen dankbaren Feierabend genoss. Der Verpfründungsvertrag erhielt am 14. Juli 1480 vor Gericht zu Diessenhofen die noch nötige Beurkundung. Dabei erneuerten auch die Lehensleute, die den Rebberg und das übrige Land bauten, die Familie Schütz im Schützerhaus zu Dörflingen, ihren Lehensvertrag mit den Kymen vom Jahr 1462. Es blieb auch für die Zukunft dabei, dass sie den Rebberg haben sollten "um jährlich den vierten teil und aimer wins so in den reben wächst, in der trotten in unser vass und geschir. (Es war so die Regel, dass der 3. oder 4. Teil des Ertrages dem Lehensherrn zufiel. Die Hälfte gehörte ihm, wenn er Stecken, Mist und Stroh lieferte. Der Mist musste zum Acker und der Wein vors Haus geliefert werden.) Einige hübsche Vorbehalte, die der alte Kym dabei machte, erwähnen wir noch als eine Ehrung des Mannes sowie seiner Reben. Er behält sich vor: "Wenn Ich oder Hans min sun, etweder einer allein oder beide, unser wesen in D. haben möchten, so solen Schütz oder seine erben uns eine juchart reben lassen, und zwar die, die der Snevli hat lassen selbs buwen, und wenn wir noch eine halbe Juchart von Schnewlis Reben möchten bauen, so soll man sie uns lassen". Man merkt, dass es dem Alten heimlich bange wird, ob er es ohne seine Reben und ohne seinen gewohnten Wein werde aushalten können. Der Schlusssatz lautet: "Sind wir aber, nit mer in lib und leben, so soll das alles sogleich wieder in das Gesamtlehen zurückfallen". Haniman Schütz sowie seine Söhne Grosshanns, Haini und Feisthanns versprachen, ihre Verpflichtung redlich und recht zu halten. - Im Jahr 1494 starb Konrad Kym im Pfrundbaus von Allerheiligen und dem Klostergut ward das Kymen- oder Schützergut einverleibt. Es war die allerletzte Schenkung, die das Kloster erlebte. Hans sin Sun sagte sich: Fein wars im Oberberg ja sowieso, doch schön ist es erst anderswo! Er folgte dem Zug seines Söldnerherzens und suchte sich seinen Weg durch die kriegerfüllte Welt. Von den Reben aber im Oberberg galt auch fernerhin: Das Lehen geht von Hand zu Hand - der Tod kommt über Nacht.

Und mit einem Mal kamen sie vor Gericht, und zwar in einer Gerichtssitzung, so feierlich wie es in Dörflingen noch keine gegeben hatte und in Zukunft keine mehr gab. Nämlich:. Am 14. Juli 1524 stellte sich Min Her von Schafhusen in höchsteigener Person als Beklagter vor dem löblichen Gemeindegericht D., vor dem Gemeinderat, wie wir heute sagen. Min Her von Schafhusen, dieser stolze Titel hatte einst volles Gewicht gehabt, als die junge Stadt Schaffhausen nach 1080 dem Äbte, resp. dem Kloster Allerheiligen gehörte. Jetzt, nach 1500, klang es nur noch wie Erinnerung an eine gross gewesene Vergangenheit. Immerhin, ein kleiner Fürst war er auch jetzt noch. Er hatte nur den Papst und den Kaiser über sich, denn die Abtei war reichsfrei, und noch im Jahr 1501, er hatte kaum sein Amt angetreten, hatte ihn der Kaiser zum Reichstag der Städte und Fürsten eingeladen, und zwar mit einer Drohung, falls er ausbliebe. Er war trotzdem zuhause geblieben. Aber jetzt, da der Weibel von Dörflingen ihn aufgeboten, folgte er. Wie ist das zu verstehen? Nun einfach, weil der edle Konstanzer Junker im Abtgewand, Herr Michael von Eggenstorf, ein Mann von Herz und Gewissen war, hielt er es für seine Pflicht, an diesem Prozess persönlich teilzunehmen. Auf sein Verlangen hin fand er überhaupt statt. Vor wenigen Wochen hatte er das meiste vom ganzen grossen Klosterbesitz im Einverständnis mit den 12 Klosterherren in die Hände des Rates von Schaffhausen gelegt (10. Mai 1524). Die Meinung war diese: Das ist von der Frömmigkeit des Schaffhauser Volkes gegeben worden, ihr gehört es und ihr soll damit gedient werden! Man stand damals noch in bester stürmischer Frühlingszeit der Reformation. Die ewigen religiösen Wahrheiten wollten frei werden von der Bindung an menschlichen Sinn und Unsinn, die Religion frei von Geschäft. Da hatte er kürzlich mit einem aufrichtigen, klugen Lehensmann aus Dörflingen einen Disput gehabt. Der Mann war Feuer und Flamme für die kirchliche Erneuerung und gegen den scheinfrommen Müssiggang der Klerisei. Alles Klostergut müsse dem Volk zugute zurückgegeben werden, der jüdische Zehnten und die heidnischen Grundzinse müssten aufhören und jeder fleissige fromme Bauer müsse Herr seines Bodens worden können." Aber das war ja die grosse Gefahr und das grosse Missverständnis der Glaubensneuerung! So würde die Religion erst recht zum Geschäft und alle Eigentumsordnung, das ganze Lehenswesen, alles, alles würde umgestürzt! Dem musste er wehren, soviel er konnte! Darum gab der Abt dann Huber den Auftrag, ihn öffentlich anzuklagen, damit er Gelegenheit habe, öffentlich gegen dieses Missverständnis aufzutreten. Der Prozess wurde eingeleitet und die erste Gerichtsverhandlung verlief folgendermassen. Untervogt Barthlome Hüer (eigentlich hiess er Hürni und war von Stanmmheim) eröffnet das Gericht im Namen des Rates von Zürich und des Obervogtes von Andelfingen. Der Kläger, Hans Huber, bringt vor, dass er vor kurzem bei dem Herrn Abt gewesen sei und 2 Mutt Kernen abgelöst habe. Es gebe Grundzinsen, die abgelöst werden könnten, sodass dann das Land völliger dem Bauern zu eigen werde. Er meint mit Stolz, der Bauer sollte das Land zu eigen haben, das er baut. Es lebt in ihm jene Gesinnung, die im Jahr darauf, im furchtbaren süddeutschen Bauernkrieg des Jahres 1525 wie ein elementarer Weltbrand aufflammte. Hans Huber erwähnt weiter, sein Lehenbrief sei vorgelegen und er habe beiläufig erwähnt, dass er auf einen Teil der Reben Geld aufgenommen habe. Hiegegen habe der Herr Abt sofort Einspruch erhoben und verlangt, dass er diese Pfandhaft rückgängig mache. Und eben darum erhebe er jetzt Klage, wegen willkürlichen Einschränkungen des Eigentumsrechtes, denn er sei der Meinung, dass die Reben und die Aecker und die Wiesen, die er in Erblehen habe, ihm gehören, solange er den Grundzins redlich entrichte. "Und leit daruf zwen brieff ins gericht," mit dem Antrag, "sie zu verhören" ... Sie werden "verhört" und darnach liess min her von Schaffhusen antworten, die Klage des Huber und die Verpfändung jener Reben seien ungerecht, denn die Reben seien dem Gotteshus wohl vor 30 Jahren heimgefallen und es sei seither uneingeschränkt Herr darüber gewesen, habe sie auch in dieser Zeit etwa 4 mal anders verliehen, sie auch einmal aus "arger wiestung" heraus wiederum "uffbracht" "und leit daruf ouch zwen brief ins gericht, sie zu verhören". Das Gericht urteilte schliesslich, min her von Schaffhusen soll durch Zeugen oder Urkunden klar genug dartun, dass das Kloster so lange uneingeschränkter Herr der Reben gewesen sei; dann solle weiter geschehen, was recht ist.

Acht Wochen darauf bringt der Anwalt des Klosters die eingeforderten Zeugnisse bei. Nach deren Verhör wird mit einhelligem Urteil zu Recht gesprochen und erkennt, "dass sy, die richter, der sach und handlung nit gnugsam verstand haben und wysen disen grichtshanndel und sach by iren eiden gen Ossingen". Diese Weiterziehung des Prozesses entsprach natürlich dem Wunsche des Abtes, denn auch in Ossingen erwarteten die Bauern wirtschaftliche Entlastung durch die religiöse Befreiung. Schon 10 Tage nach Ausstellung dieses Weisungsbriefes am 24. September 1524, fand die Ossinger Gerichtssitzung vor 18 Richtern statt, unter dem Vorsitz des dortigen Untervogts. Die Anwälte des Klosters, die da vor dem Gericht zweiter Instanz erschienen, waren der Klosterpfleger Schupp von Schaffhausen und der Söldnerhauptmann Spiegelberg, ein unruhiger Junker, der überall dabeisein wollte, wo etwas los war. Nach Verhörung des Urteils von Dörflingen und des Weisungsbriefes begehren diese Anwälte einige beglaubigte Zeugenaussagen aus Dörflingen zu verlesen. Dieselben lauten verkürzt so: Jakob Bühelmann hat gesagt by sim eid, dass by den zweinzig jaren Oberhofer und Keller die reben inngehebt haben. Heyne Huber hat gsagt, si habens by den drissig garen gehebt. Kunrat Sigk, es sye by den 35 jaren, dass die Schützen die güeter inngehebt haben und habe alles zusammengehört. Da hab min hr. v. Schafhusen die reben gnon und der vogt zu Randeck das güetlin (d.i. die dazugehörige Hofstatt) an sich gezogen. Darnach hat min her v. Schafhusen die reben Kristan Oberhofer gelihen umb den dritten eimer. Darnach haben die Hueber dem vogt von Randeck das guetlin widerum abentlihen. Da der Oberhofer abgangen sy, da hab min hr. v. Schafhusen die reben Konrad Keller glihen um den dritten eimer, darnach dem Schlosser, auch umb den dritten eimer, darnach Hansen Richen, auch umb den dritten eimer; min her von Schafhusen habe die Reben innegehabt wie seine eignen güter. Bartlome Hüer der vogt ze D. hat gsagt by sim eid, dass min her v. Schafhusen die reben ob den 25 jar innghan hab. Dass er aber wiss, wie oder wenn, sy im nit zu wissend. Hans Schlosser hat gsagt by sim eid, dass die reben ins Schützers hof ghört haben. Darnach haben si teilt miteinander, der appt und die Schützen, um das dritteil. Da hab er ein juchart an ein von Diessenhofen, genannt Jakob Sigk, entlehnt, auch um das dritteil. Der Frölich hat gsagt, da die Schützen gwibet haben und der Vater noch mit inen hus ghebt hab, da hab der Vater von inen teilt. Da haben si im geben ein Wyngarten genant der Balmenwyngarten und ein garten. Da er gestorben sy, sy im nit zu wissen, ob si dem appt von Schaffhausen die reben gutwilligklich glossen haben oder nit. - Darauf wurde noch der Zinsrodel verlesen: "ltem ein wingarten ze D., buwen die Schützen, ward unserem Gotzhus vom Vogt Kymen, das ist vierthalb juchart und ein trott. Das alles sollen sy in eren und buwen haben on unsers gotzhusses schaden, und davon den vierteil des wins geben, so darinn erbuwen wird, nach lut eines briefs". - Hans Huber wollte nun wiederum seine 2 Briefe verlesen und dazu sprechen. Die Gegenpartei sagte, es wäre überflüssig, oder dann wollten sie ihre Briefe auch wieder verlesen. Nun wurde einhellig zu Recht erkennt, dass jede Partei auf den nächsten Gerichtstag solle darlegen alles, wie sie es in Dörflingen dargelegt hätten, und darnach solle geschehen, was recht sei.

Am 14. Septernber 1524 traten die Parteien zum letzten Waffengang an. Alles für und wider wird von Anfang an wieder gehört oder auch nicht gehört. Die Anwälte des Gotzhauses sprachen die Ueberzeugung aus, es sei jetzt gewiss genugsam dargetan, dass die Reben dem Kloster gehören. Hans Huber bestritt das; seine Briefe "seiten anderscht" und das Gericht werde das auch verstanden haben und ihm mit Recht die Reben zuerkennen. Schliesslich folgt das einhellige Urteil, "dass die anwält des gotzhuses gnugsamlich ufbracht und dargetan haben, wie es inen zu Dörflingen mit recht erkennt worden sy, und dass Hans Huber das gemeldt gotzhus von Schaffhusen an den reben ganz und gar ungeirt, unverhindert und ungesumpt sölle lassen". Ein sehr interessantes Zeitbild! Nur schade, dass die Gerichtsakten nicht im Original, sondern nur in einer Abschrift, allerdings beglaubigt durch das Gerichts - Siegel, erhalten sind. Der Schreiberling hat dabei im Sinne des verunglückten Bauernkrieges den kritischen Punkt des Prozesses, d. i. das grössere Verfügungsrecht der Bauern über sein Lehensgut, leider vermischt, nach seiner Absicht zugunsten, tatsächlich aber zu ungunsten des Abtes.

Denn was Huber, der eben noch viel mehr Diessenhofer Stadtbürger als Dörflinger Bauer war, für seine Genossen im Dörfli erringen wollte, das war 100 Jahre später schon weithin üblich, besonders bei klösterlichen Lehen, und 200 Jahre später selbstverständlich, nämlich dass der Lehensmann, besonders über Erblehen, so frei verfügen durfte, als wäre das Lehen sein Eigentum.

Nebenbei bemerkt gehörten zum Kymen- oder Schützengut etwas später, im Jahre 1554, neben 2 Jucharten Reben 66 Jucharten Ackerland und Wiesen und 15 Jucharten Holz. Das schönste Stück davon waren die 10 Jucharten genannt Breite "vom Hof ussen". Die dazugehörigen 4 Häuser lagen teils oberhalb, teils unterhalb der Strasse Diessenhofen - Biethingen.