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Der Hereberg


Unser fürnehmster Rebberg ist ohne Frage der Hereberg. Fürnehm sicherlich, was die Lage angeht. Als es sich in unbekannter Zeit darum handelte, auf unserer Flur die edle Rebe, das süsse Kind milderer Himmelsstriche, im grossen anzupflanzen, da schien natürlich die steile Südhalde des Nacks, der Anhöhe, die im Gisbüel gipfelt, der richtigste Platz zu sein, denn mehr Sonne als hier gibt es wohl nicht irgendwo anders auf unserer Flur, und der tiefgründige Mergelboden mit Moränenschutt war grad wie gewünscht. Was besagt nun dieser Flurname Hereberg und wie kam die Flur dazu?
Oberhalb Schaffhausen heisst ein ausgezeichneter Weinberg in bester Lage am Rhein der Hereberg. Der Chronist Rüeger sagt von ihm: "Ich halt in für der eltesten einen, so um die stat ligt und ungfar den besten win um die stat gibt und mag wol deren wingärten einer sin, so graf Eberhart der Stifter dem closter anfenglich vergabet hat. Es würt aber diser schöne winberg darum der Herrenberg genamset, dass er dem herren apt und sinem convent eigentumlich zuegestanden und gehört hat, die habend in ouch gheissen iren grossen wingarten und in buwen lassen und in gnutzet bis uf das iar des Herren 1475. Do ward er den burgeren um den vierten teil wins neben dem gebürlichen zehenden verlihen. Aber im 1550. iar des Herren wurdend semliche wingärten an disem berg den burgeren, so si innhattend, für eigentumlich verkouft. Der grosse Acker, der vom Kloster an bis zur Neuen Stadt hinauf sich erstreckte, hiess der Herrenacker, wie heute noch, als Ackerland der Klosterherren, auf das noch im Jahr 1400 die Bürgerhäuser ringsum niederschauten. Da aber dem Abt von rechtswegen der Titel Min her von Schafusen zukam, konnte der Volksmund jenen Weinberg nicht schöner benennen denn als Herenberg. Ob das für unsern Hereberg auch zutrifft? hat er etwas zu tun mit dem Her von Schafhusen? Es sind allerdings Spuren da, die dorthin weisen.

 

Eine Urkunde vom 25. Mai 1359 berichtet, dass auf dem Rathaus zu Schaffhausen der Edle (= Edelmann) Jacob genannt der Dörflinger von seinem Schwager, dem edlen Johann Zum Tor und dessen Frau Elisabeth Dörflingerin, auf 205 Jahre und zwar, wie im Scherz gesagt, auf die nächsten 205 Jahre, die nun kommen, einen Acker als Lehen übernimmt um den gewöhnlichen Jahreszins von 1 Viertel Roggen pro Juchart. Der Acker ist mit Marchsteinen uszeichnet und liegt oberhalb des Weingartens vor Rinhart desselben Jacobs des Dörflingers. (Rinhart heisst Rheinforst, und was zwischen Emmersberg und Gailingerberg liegt, gehört in seinen Bereich, und so liegt Dörflingen "vor Rinhart".) Zugleich mit dem Acker pachtet er auch den Weg, der dazu hinaufführt. Mit grossem Interesse ersehen wir hier, dass damals der Nack grösstenteils oder vielleicht ganz sich im Besitze einiger Mitglieder der adeligen Familie Dörflinger befand und zwar so, dass bei der letzten Erbteilung des Ratsherrn Conrad, gestorben vor 1333, der Sohn Jacob die untere Hälfte der Halde, heute Schüfili und Hereberg, und die Tochter Elisabeth die obere Hälfte, also die Buckreben und das Land über der Herenhalde erhalten hatte. Dieser Besitzstand allein hätte eigentlich genügen können, den Nack den Herenberg zu nennen, denn die Herrenleute von Herkunft und Stand unterschieden sich damals in der sozialen Geltung noch sehr deutlich von allem andern Volk. Sie galten wirklich, als wären sie aus anderem Teig gemacht als die gewöhnlichen Leute. Erst 200 Jahre später war so ein kritisches Sprüchlein möglich zu denken und zu schreiben, wie das war, das ich als Büblein ab einer Holztafel an einem Hause der Hochstrasse herausbuchstabierte: Als Adam hackt und Eva spann, wo war damals der Edelmann? Die Antwort auf diese Frage wurde zu einem Eckstein meiner Weltanschauung. Es ist nicht unmöglich, dass ähnliche unzeitgemässe Gedankengänge die Dörflinger des 12.- 14. Jahrhunderts abhielten, ihren Nack nach ihren Herrenleuten zu nennen, obwohl er wirklich ihren Herren zu eigen gehörte.

Die Urkunde von 1359 bringt aber genauer besehen unsern Herenberg in unmittelbare Beziehung zum heren von Schafhusen, so dass ihm geradezu von daher der Name Herenberg zukäme. Im Jahr 1350 nämlich hatte ein Sohn unseres Dörflers eine denkwürdig hohe Stufe auf der Leiter der Ehren erreicht. Der jüngste Sohn Hans des Ratsherrn Conrad Dörflinger war vom Convent der Klosterherren zu ihrem Abt erwählt worden. Als Abt der reichsfreien Abtei Allerheiligen durfte er sich neben jeden Reichsfürsten setzen und sein Titel war "der erwirdig her her von Schafhusen". Dieser Titel hatte zwar längst nicht mehr den Sinn wie anno 1080, als dem Kloster die Stadt Schaffhausen geschenkt wurde. Seither hatte die Stadt viele Rechte an sich gebracht, aber immerhin! Seit 1350 führte Johann der 2., der Dörflinger, sein Amt mit getreuer und geschäftstüchtiger Hand. Mit 1358 verschwindet plötzlich sein Name in den Urkunden; aber sein Nachfolger erscheint erst seit 1360 in den Urkunden. Wie ist es mit 1358 und 1359? Man weiss es nicht. Der erwähnte Pachtvertrag von 1359 bringt vielleicht etwas Licht. Des Abtes Bruder Jacob und des Abtes Schwester Elisabet legen ja mit dem vorerwähnten Vertrag den Weinberg mit dem Hof darauf und das Ackerland darüber zusammen, damit ein sehr ansehnliches lipding, will heissen Verpfründungsgut für Jacobs Sohn, den angehenden Klosterherrn Johannes, zustandekomme. Vielleicht ist ihnen um der Familie willen viel daran gelegen, dass der Abt sein Amt nicht schon niederlege. Das würde möglich, wenn sein Neffe, eben der genannte Johannes sein vertrauter Gehilfe sein dürfte und der Hauptgegner würde das wohl geschehen lassen, wenn jetzt schon ein rühmliches Stück Dörflinger Boden als Entgelt für lebenslängliche Verpfründung dem Kloster dargebracht würde. Einen Zweifel an diesem Erfolg lässt der Ratsschreiber, wohl ein guter Freund des Dörflingers, spasshaft einfliessen mit den 205 Jahren, "die nu komen". Und er behielt leider recht, der Pachtvertrag trat wahrscheinlich gar nicht in Kraft. Der Weinberg konnte also dem zuhöchst gestiegenen Sohne Dörflingens nicht helfen, länger der her von Schafhusen zu bleiben, wofür er wohl verdient hätte, für immer als der Herenberg geehrt zu werden.

Doch trotzdem ist zu vermuten, dass der Berg diesen Namen von dem Abt Johannes Dörflinger her erhalten habe. Es blieb für ein paar hundert Jahre freilich vergessen, in wie naher Beziehung der Rebberg mit den Edlen von Dörflingen und ganz besonders mit deren hervorragendstem Glied, dem Abt, gestanden hatte. Aber dann kam einmal eine Zeit, in welcher das Interesse für die Heimat und ihre Geschichte in ungeahnt eindringlicher Weise belebt wurde, speziell in Dörflingen. Das war die Zeit, da Joh. Jakob Rüeger, der ganz vortreffliche Geschichtsforscher und schaffhauserische Chronist, als sogenannter erster Frühprediger am Münster auch Pfarrer von Büsingen - Buchthalen - Dörflingen war, in den Jahren 1582 bis 1600. Seinem Wunsch und Willen entsprach es sicherlich, dass das Gedächtnis an die Freien von Dörflingen und an ihren Abt durch den Flurnamen Hereberg festgehalten werde. Und das war um so mehr angebracht, als damals und noch 150 Jahre später der Gailingerberg der Fronberg, d.h. der Herrnberg genannt wurde (im vorigen Jahrhundert Frauenberg und in unserm der Rauhenberg!).

Dem Wunsche Rüegers, dieses ausgezeichneten historischen Heimatschützlers, kam die Tatsache kräftig zuhilfe, dass der Weinberg seit Menschengedenken in herrischen Händen lag. Anno 1359 also hatten Bruder und Schwester des Abtes ihre Hereberg - Liegenschaften zusammengelegt und bald darauf lösten sich die Freien von Dörflingen ganz von ihrem Heimatboden, darauf sie jahrhundertelang freiherrlich gelebt hatten. Anno 1383 hat Herr Gottfried, der Truchsäss, auf dem Schloss Unterhof zu Diessenhofen, einen Teil dieser Güter in Händen und stiftet daraus das Truchsässenpfrundgut für einen Altardienst in Diessenhofen. Solche Stiftungen haben ein langes Leben und 300 Jahre lang haben die geistlichen Herren, denen der Ertrag der zugehörigen Grundstücke gewidmet war, diesen in der öffentlichen Schätzung eine gewisse Weihe verliehen. Anno 1667 hat ein unzweifelhaft imponierender Herr das ehemalige Pfrundgut in Besitz, hat sogar mindestens in Sommerszeit im Hereberg seinen Wohnsitz. Es ist der Schaffhauser Ratsherr Leutnant Hans Conrad Wepfer, 1630 -1707, der wohlbekannten vornehmen Wepferfamilie in Diessenhofen entstammend. Im Januar 1668 erwirbt er sich von 5 Grundeigentümern zur Abrundung seines Herebergbesitzes noch 2 Jucharten an Reben und Baumgärten und zahlt für den Vierling Preise zwischen 55 und 100 Gulden. Dass er sein Trinkwasser unterhalb der Bauernhütten im Kloster unten schöpfen soll, das passt ihm freilich schlecht. Aber er weiss Rat. Die Herren von Randegg und Gailingen, das sind die Barone von Ulm und von Reinach, gestatten ihm ohne weiteres, dass er das Quellwasser aus dem sog. Ufertenbrünneli unterm Waldeingang oberhalb des Funktera in Deucheln zum Herenhaus leite (Erneuerung des Vertrages 1682). 1684 heisst Wepfer Oberstquartiermeister, 1695 bis zu seinem Tode ist er Schaffhausens Bürgermeister. Sein famoses Bildnis, von dem Schaffhauser Maler Schärer gemalt, ist am 1. April 1944 von einer kulturschänderischen amerikanischen Bombe verwüstet worden.

Von Wepfers Erben ging dann der Hereberg über in den Besitz jener beiden Herren, um deretwillen der uralte heimliche Namen des Rebbergs, der ihm von rechts wegen zukam, zu voller gegenwärtiger Geltung gelangte.

Der Nack aber hiess immer noch der Nack. Erst in jenem Zeitalter, da im Siegesrausche der jungen Demokratie die gewesenen Untertanen schon durch das blosse Wort Herren sich gereizt fühlten, also in den 20er, 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, da taucht auf einmal in Protokollen "der Herenberg" auf und der Nack, d.h. der Nacken, geht unter so rasch, dass heute niemand mehr von ihm weiss und dass das gute Land "hinder Nack" heute ganz blutt missverstanden wird als "Hindernackt".

Aber gwundrig sein darf man nun schon, was das für unzweifelhafte Herren gewesen seien, um deretwillen der Rebberg mit dem schönen Namen geehrt worden ist. Es waren zwei innerlich und äusserlich vornehme hohe Offiziere, die während 100 Jahren zum Nack in lebendigster Beziehung standen, und die Hochachtung und eine gewisse Verehrung, die man ihnen entgegenbrachte, machten den Namen Herenberg lebendig. (In dem alten Wort Her berührt uns noch ein wenig das Hohe und Hehre, das gemeint ist; im neumodischen scharfen groben Herr ist davon nichts mehr, Hersen war ein ehrwürdiges Herr - sein, daraus ist das grobe und brutal klingende Herrschen geworden.) Nehmen wir nun die flüchtigen Lebensskizzen der beiden Herren als Bildchen, die zu Dörflingens Vergangenheit gehören.
Herr Obristleutnant Joh. Friedrich Hurter als Patriziersohn anno 1682 in Schaffhausen geboren, widmete sich jenem Berufe, den 3 - 400 Jahre lang die Aristokratensöhne aller Schweizerstädte jedem andern vorzogen, dem Offiziersdienst im Solde fremder Fürsten, der verfeinerten und rentableren Fortsetzung des frühern rauhen Reislaufens. Er trat in das zürcherische Regiment v. Bürcklin ein, das im Dienst des Kaiserreiches Oesterreich stand und rückte darin vom Leutnant zum Hauptmann, zum Major und schliesslich zum Obristleutnant vor. Seine besten Kräfte setzte er im Spanischen Erbfolgekrieg ein, als England und Oesterreich, Preussen und Holland in schlachtenreichen Kriegen Frankreich hinderten, den König von Spanien zu beerben und damit zu Spanien hinzu noch einen grossen Teil von Italien, die Niederlande und grosse Teile von Amerika in Bezitz zu nehmen. Damals vergossen die einen Eidgenossen ihr Blut für fremde Herrsch- und Habgier, die andern zankten daheim als Stadt und Land, als Herr und Untertan, als katholisch und reformiert, als reich und arm. Unser Schaffhauser aber verstand es, Fremde und Heimat wohltuend miteinander zu verbinden.

20jährig hatte er, vermutlich noch als Fahnenjunker, eine junge reiche Witwe von Schaffhausen, Helene Meyer, verw. Seiler, geheiratet und brachte es neben all seinem Kriegsdienst fertig, als glücklicher Familienvater an 6 Söhnen und 2 Töchtern seine Freude zu haben, über deren Geschicke ich leider nichts weiss. Es ist anzunehmen, dass er nach dem Utrechter Frieden 1713 seiner Familie zu leben begehrte, vielleicht nach dem Vorbild der alten römischen Heerführer im Bereich eines kleineren Bauerngewerbes. In diesem Sinn erwarb er sich im Jahr 1735 den Wepferschen Herrensitz im Hereberg. Von da aus wollte er im Frieden der Heimat den Händeln dieser Welt zuschauen. Spartanisch einfach zu leben war längst seine Gewohnheit. Die Welt, in der er eigentlich lebte, war die Welt seiner politischen und militärischen Erlebnisse und Interessen, und um der Bewegung in der frischen Luft sich nicht zu entwöhnen, kaufte er sich um 10 Gulden das Jagdrecht auf dem ganzen Dörflinger Bann von der Regierung in Stockach. Denn das traf sich ausgezeichnet für ihn. Sein Lebtag hatte er der Macht und Ehre des österreichischen Kaiserhauses gedient und Leib und Leben daran gesetzt und er stand auch in Dörflingen auf österreichischem Boden als ein getreuster Untertan. Er fühlte sich da aber auch als guten Eidgenossen und stand im zürcherischen Dörflingen auf Schweizerboden. Rechtlich war er sowohl zürcherischer, als auch österreichischer Untertan und moralisch als ein freier Mann beides gleich ehrlich, und ein schönster Reiz seines Lebens war es, Konflikte zwischen seinen beiden Heimatländern, wie sie durch bürokratischen und andern Unverstand beständig sich bildeten und mit Gerichtshändeln zwischen Stockach und Andelfingen immer wieder den Frieden im Dörflein störten, beheben oder wenigstens mildern zu können. Dass er seiner Vaterstadt hier so nahe war, galt dem guten Schaffhauser natürlich als ein weiterer grosser Vorzug unseres Dorfes. Er war sich dessen bewusst, dass er hier gleichsam in diplomatischer Sendung auf Posten stand; möglicherweise hatte er faktisch solchen Auftrag in vertraulicher Weise. Infolgedessen nahm er, auch die Vorrechte und Wohltatender Exterritorialität in Anspruch. So lehnte er örtliche Steuern und Abgaben konsequent ab, was ihm vielleicht allgemein übel genommen wurde; aber die Behörden liessen es gelten. Er fand auch immer wieder Gelegenheiten, um die Allgemeinheit bei guter Laune zu erhalten. Als z. B. im Frühjahr 1755 die Dorfstrasse vor dem Herenberg in die Brunngasse hinunterfiel (die gute Stützmauer ist nämlich erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Jahre 1878, erfunden worden), erklärte der Herr Obristleutnant, daran sei er nicht schuld, das gehe ihn gar nichts an. Die Gemeindeväter belehrten ihn, er habe doch die Strassenschorrete genommen, also Nutzen davon gehabt; doch er begriff nicht. Aber auf den 14. Januar 1756 lud er die ganze Bürgerschaft zu einer zweiten Neujahrsgemeinde ein, an der ein jeder vom guten Roten trinken durfte, soviel er mochte. Am 7. Januar hatte sowieso schon jeder auf Gemeindekosten einen fröhlichen Trunk tun dürfen. Dass er das Wild des Waldes den Früchten des Feldes zugut tadellos im Zaum hielt, dankte man ihm und die Bauern waren stolz auf ihren Obristleutnant, der so bolzgerade in engen Gamaschen, die Jagdbüchse über die linke Schulter gehängt und den Jagdhund neben sich ihren ganzen Bann so gut im Auge hatte, und freuten sich, dass er zu ihnen gehörte.

Ende Dezember 1739 nahm der Tod ihm die treue Lebensgefährtin, 73jährig, von der Seite. Er wusste sich zu helfen. Im Sommer 1742 schloss er 60jährig einen neuen Ehebund mit Mademoiselle Pithaud, die ihm 1743 eine Tochter Catharina und 1745 einen Sohn Alexander, hochfürstliche russische Namen, schenkte. 1762 segnete er das Zeitliche im Alter von 80 Jahren, indem er dem Untervogt, wahrscheinlich als freundschaftlichen Abschiedsgruss, noch eine halbe Juchart Ackerland vermachte. 50 Jahre später lebte er noch in der respektablen Erinnerung des Dorfes als "der alte Her", und dass zwischen Hereberg und Birchbüel oft ein zahmes Reh hinter ihm hergelaufen war, machte ihn halb zu einer schönen Märchenfigur.

Als die Dörflinger Kinder von 1762, denen der Herr Obristleutnant sehr wohl bekannt war, Leute geworden waren, ging auf einmal ein neuer jüngerer Obristleutnant im Herenhaus ein und aus. Der erste Gemeinde - Brandkataster aus dem Jahr 1810 führt das Haus Nr. 63 als Eigentum von Obstlt. Alexander Hurter und auf 1000 Gulden geschätzt auf. Es handelte sich tatsächlich um den Sohn des alten. Das Heimweh nach der friedlichen Stille in der hellen sonnigen Rebhalde hatte ihn aus der Fremde wieder zurückgeführt. Er hatte ja den Vater nur als ganz alten Herrn gekannt. Er war mit 17 Jahren an seinem Grabe gestanden und hatte dann werden wollen, was und wie der verehrungswürdige Vater gewesen. Und richtig, denselben schmalen steilen Weg stieg er aufwärts vom Leutnant zum Hauptmann, zum Major und zum Obristleutnant, zwar nicht in österreichischen, sondern in Königlichen Sardinischen Diensten. Sardinien war in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ein kleines Königreich von 5 Millionen Einwohnern, das von den Grossmächten als ihr wichtiger Bundesgenosse gegen Frankreich aus der Insel Sardinien, Savoyen, Piemont, Aosta und Nizza zusammengeleimt worden. Der militärische Eifer des kleinen Reiches war so gross, dass es im Jahre 1793 eine Armee von 500 000 Mann gegen Frankreich und die Revolution aufstellen wollte und da war unser Offizier mit dabei, vielleicht sogar samt Weib und Kind. 1785 hatte er 40jährig die Schaffbauser Patriziertochter Catharine Peyer im Hof geehelicht. Als rechte Soldatenfrau begleitete sie ihren Gatten ins Feld. Der Kriegsdienst gegen die revolutionären Volksheere Frankreichs war wohl anstrengend. 1796 rissen sie das halbe Königreich Sardinien an sich. Vermutlich hat Hurter spätestens mit 60 Jahren, also 1806, den Dienst quittiert und ist hieher gezogen, wo er im Herbst 1827 gestorben ist. Sein Sohn starb 1835 als Postoffizier, seine Töchter heirateten Fährenmänner, zwei in Schaffhausen und eine im Württembergischen. Ihre Mutter, geboren 1759, gleich wie Pfr. Enderis, der zu gleicher Zeit wie Hurter in fremden Diensten gestanden, aber in französischen, legte sich, auch wie er, im Jahre 1839 zur ewigen Ruhe.

Also während annähernd 100 Jahren war jenes Haus in der bevorzugten Lage unterm Gisbüel von 2 Männern und deren Angehörigen bewohnt, zu denen jedermann mit Respekt als zu unzweifelhaften Herren emporsah, da gab es sich von selbst, dass man vom Herenberg und Herenhaus redete. Gleichsam unterstrichen wurde der Name noch dadurch, dass seit unbekannter Zeit, jedenfalls aber zur Zeit, da Rektor Enderis hier Pfarrer war, im Herenhaus ein Zimmer sich befand, darin der Pfarrer am Sonntag sein Quartier hatte. Und als 1833 das Haus zu haben war, lag die Idee nahe, man könnte es ankaufen und ein Pfarrhaus daraus machen. An der Kirchensynode des Jahres 1836 beschwerte sich Pfr. Enderis zuhanden der Regierung darüber, dass sie das nicht getan habe. Als man dann 1844 der Sache näher trat, gab der kantonale Bauherr Hurter die Erklärung ab, dass ein Umbau zu kostspielig wäre, man baue besser ein neues Pfarrhaus, was dann 1845 / 1846 wirklich geschah.