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Flurnamen des Rebgeländes


Das offizielle Verzeichnis von 1896 weist 23 solcher Namen auf. Es sind folgende: Antoni, Bozler, Bratele, Buck, innerer und äusserer, Bünt, Vizli, Garte, Gisbüel, Grueb, Halde, Häsili, Hereberg, Hohschueler, Log, Morge, Neuwingarte, Oberberg, Schüfili, Schöber, Schützerhus, Storchenest, Talgarte und Underberg. Man sieht hieraus, dass unsere Reben damals vom Underberg bis hinauf zum Vizli im Oberberg reichten, und von der Bünt und dem Hohschueler sozusagen ununterbrochen bis inn Morge und sogar noch von der Grueb, allerdings mit Unterbruch, bis zum Storchenescht!
Und jahrhundertelang war es bis dahin so gewesen. Zur Zeit der Römerherrschaft war vermutlich die Rebe in unsere Gegend gekommen, obwohl die römischen Gesetze es ausdrücklich verboten, jenseits der Alpen Weingärten anzulegen, weil Italien der Wein- und Oellieferant der Welt sein wollte. Aber so einen ganz kleinen Rebberg im Talgarten oberhalb seiner Villa anzulegen, durfte sich der pensionierte römische Hauptmann hier schon gestatten, ohne dem Gesetz zuwiderzuhandeln. Als dann die Alamannen hier einrückten, lernten sie mit grossem Vergnügen die neuen Getränke aus vergorenem Trauben- und Obstsaft kennen und nannten sie natürlich auch mit den römischen Namen, nur dass sie statt Visum kurzweg Wien sagten und statt Museum Moschee, und bald darauf prägten die Thurgauer die Lebensregel: Moscht moscht möga! Zur Zeit Karls des Grossen (Völkererziehers), ums Jahr 800, war der Weinstock in unserm Lande heimisch und die Klöster nahmen sich seiner liebreich an. Nach ihrem Willen sollte er ein Treuster im Jammertal werden, aber die Schwachheit der Menschen machte durch ihn die Welt noch mehr zum Jammertal, weil viel zu viel Wein produziert wurde.

So lag ums Jahr 1500 die Stadt Schaffhausen ganz in Weinbergen drin, in fast tausend Jucharten, sagt unser Chronist Reger, und die städtischen Weinbauern, die sich Rebleute nannten, bildeten die stärkste Zunft. Mit ihren Reformationsgelüsten und ihren Forderungen nach Verbesserung ihrer erbarmenswürdigen sozialen Lage jagten sie den konservativen Regenten einmal den grössten Schrecken ein, am eintägigen Bauernkrieg in der Stadt zu Pfingsten 1525. Unser Dorf lag schon damals in einem stundenlangen Weinberg drin. Unterhalb des Rheinfalls fing er an und erstreckte sich, nur durch den Staffelwald unterbrochen, bis hinter den Hohenklingen, und zwar in zwei, drei Lagen übereinander. Der Dörflinger Wein zählte mit dem Steiner, Osterfinger und Altorfer zu den zweitbesten Schaffhauserweinen, was zu Anfang des 19. Jahrhunderts amtlich festgestellt wurde zum Zweck einer gerechten Ablösung des Weinzehntens. So ist im Laufe der Zeiten unser Dorf ein richtiges Weinbaudorf geworden, eines unter sehr vielen unseres Landes, und das will sagen, zu einem Dorf, für dessen Einwohner ihr Rebberg ihr vielbedienter, vielgeliebter und gefürchteter Wohltäter war, von dem sie Jahr für Jahr das Bargeld erwarteten, dessen der Landwirt unweigerlich bedurfte, um seinen Betrieb überhaupt aufrecht erhalten zu können, denn der Leute im Land waren so viele geworden und der Feldbau war so sehr zurückgeblieben und der Markt und die Geldverhältnisse waren so übel geordnet, dass für die Mehrzahl sozusagen alles am Wiigelt hing. Aber wie, wenn, was oft geschah, einige magere oder gar Fehljahre auf einander folgten? oder wenn der Herbst zwar gut einschenkte, aber Absatz und Ausfuhr stockten und der Wein liegen blieb? Dann sollte dem Bauer sein Recht helfen, den selbsterzeugten Wein ausschenken zu dürfen. Er tat so und dann ward der Wein so billig, dass ein Kopf, d.i. der Tagestrunk pro Kopf, das sind 2 Mass guten Rotweins 3 Kreuzer, also 1 Liter 1 Kreuzer galt, und was wurde dann? Trink sechs Räusche wöchentlich, lehrt dich Hippokrat - singt ein liederliches Lied. Die ganze Lebenshaltung im ganzen Dorf wurde dadurch allmählich geschädigt. Wer da für Dörflingen genauer zusehen will wie, der zähle etwa im Zeitraum 1800 -1850 die Bussen des Gemeindegerichts für die kleinen diebischen Frevel in Feld und Wald zusammen oder die Strafurteile des Bezirksgerichtes für mutwillige oder fahrlässige Konkurse im Amtsblatt oder studiere die Gemeindsprotokolle nach ihren Traktanden und deren Erledigung. Es wäre Unsinn, den Wein für die Uebelstände verantwortlich zu machen. Nur mitgewirkt hat er und zwar gründlich, und darum bieten alle Weinbaudörfer während langer Zeit ungefähr dasselbe Bild. Die betrübten Nachkommen aber werden nicht umhin können, ein aufrichtigstes Bedauern zu hegen für jene Generationen, die es so misslich getroffen haben, dazu aber auch eine aufrichtige Hochachtung dafür, dass trotz schwerer Missgunst der Zeit manche Mannen und Frauen und Häuser mit Ehren aufrecht geblieben sind, so dass die Gemeinde als Ganzes doch stets auf dem Wege nach vorn, ins Gesunde, ins Helle, ins Freie beharren konnte.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts trat in unserer Gegend die schon längst fällige Krise des Weinbaues ein. Sie setzte ein mit heftig auftretenden alten und neuen Krankheiten des Weinstocks, deren Bekämpfung einen bedeutend vermehrten Aufwand von Geld und Arbeit erforderte. Das traf zusammen mit zunehmendem Abzug der ländlichen Arbeitskräfte in die Industrie und also auch mit steigenden Arbeitslöhnen für den Weinbauer. Weil noch Fehljahre sich dazugesellten, so wuchs in aufsehenerregendem Masse die Einfuhr fremder Weine und ebenso die einheimische Weinpanscherei, so dass die gesamte Oeffentlichkeit aufmerksam wurde auf den Notstand und die Unvernunft, die da das Volkswohl hinderten, wobei auch eine grundsätzliche Gegnerschaft gegen allen Missbrauch alkoholhaltiger Getränke sich konstituierte. Kurz, die Krise kam derartig, dass sie nichts zu wünschen übrig liess, indem schliesslich alle irgendwie beteiligten oder mitverantwortlichen Kreise und Kräfte des Volkes mobil gemacht wurden für eine Sanierung des heimatlichen Weinbaues. Und jetzt, 1944, 50 Jahre nach Eintritt der Krise steht er beinahe genesen wieder da und die Einsicht, dass die Volkswirtschaft ganz und gar auch eine politische Angelegenheit sei, hat dabei kräftigst mitgeholfen. Möge er nun nach eineinhalb Jahrtausenden erst recht gedeihen zu Nutz und Frommen des ganzen Volkes!

Wir fügen hier eine Reihe vielsagender Zahlen an, die dem Kundigen erschreckend deutlich künden von dem hinter uns liegenden Tiefstand und katastrophalen Niedergang, sowie von dem gegenwärtigen energischen Wiederaufstieg unseres Rebbaues, dazu aber auch von dessen grosser ökonomischer Bedeutung für unsere gesamte Landwirtschaft. Gute Rechner werden sich dadurch zu weiteren Rechnereien anregen lassen. Etwa auch zur Nachprüfung der Rentabilitätsthesen eines berühmten Rechenmeisters vom Jahre 1778, des zürcherischen Pfarrers i. H. Waser, der sich schon vor bald 200 Jahren für die rechnerische Durchdringung des gesamten landwirtschaftlichen Betriebes einsetzte. Er stellte z.B. die Behauptung auf: Bei 1 Juchart Ackerland errechnet sich für den Bauer auf den Arbeitstag ein Taglohn von 10 Gulden. (1 fl. war damals der gewöhnliche Taglohn, 1 Paar Schuhe galt 1,5 fl., 1 Saum gewöhnlichen Hallers galt 7 fl.). Aber beim Ackerbau braucht der Bauer auch das Vieh zur Arbeit und in jedem 3. Jahr liegt das Land brach. Bei 1 Juchart Reben dagegen gewinnt der Bauer einen Taglohn von 20 fl. und zwar ohne Vieh und erntet jedes Jahr und den Trester hat er noch gratis. (Der kluge Mann rechnete und redete zu spitzig und darum wurde ihm im Jahr 1780 der Kopf abgenommen.)

Für Dörflingen aber wollen wir hoffen, dass es wieder zu einem Rebberg komme, der in seiner Geschlossenheit und seinem Zustand nicht nur eine Zierde und Ehre des Dorfes, sondern durch seine Erträge ein echter Freudenquell für des Dorfes Einwohnerschaft werde. Vorderhand können wir also nicht unser mannigfaltiges Rebland in weiss und rot vorstellen, sondern nur die Namen und Reste dreier einst höchst ansehnlicher Rebgelände.

Es folgt nun eine Reihe von Vergleichszahlen für Gemeinde und Kanton.

 

Rebfläche
ha
Weinertrag
hl
Geldertrag
Fr.

1870
Kanton
Dörflingen


975     
26,1 


43725
802

1035841
20688
1890
Kanton
Dörflingen
1120     
22,74
50609
123
1817713
4760
1900
Kanton
Dörflingen
1107     
17,53
112000
1086
2254000
24618
1910
Kanton
Dörflingen
868     
13,76
4900
30
252000
1722
1920
Kanton
Dörflingen
473     
5,4 
21000
175,5
3178000
32650
1942
Kanton
Dörflingen
362     
8,32
13328
227
1926000
33371

Die Zahlen sind da und dort sinngemäss etwas auf- oder abgerundet. Die kantonale Statistik wird seit 1858 gemacht. In den 81 Jahren 1858 - 1940 steht in der Reihe der Gelderträge 1910 mit 250000 Fr. zu unterst und 1920 mit 3175000 Fr. zu oberst. Der durchschnittliche Ertrag aus 81 Jahren beträgt 1400000 Fr. Der durchschnittliche Kapitalwert des kantonalen Rebareals für 1942 beträgt 2459770 Fr.