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Die letzte, aber keineswegs geringste Gruppe wird von den Flurnamen gebildet, in denen eine

rechtliche Beziehung

enthalten ist.

 

Chalchoferwis und -buck, 1554: "Kalchoverwisa". Es ist erstaunlich, dass schon um 1550 von Gemeindswegen ein Kalkofen vorhanden war, da man doch bei vorhandenem ordentlichem Reichtum an Holz noch wenig daran dachte, beim Hausbau Steinmauern zu verwenden. Wahrscheinlich begünstigte die zürcherische Obrigkeit aus verschiedenen Gründen die Erstellung wenigstens steinerner Grundmauern anstelle der Balkenrahmen, auf die bisher die Hauswände gestellt worden, daher der Kalkofen. Dieser war eigentlich nur das Recht und die Gelegenheit, im dortigen Sandhügel die Kalksteine ringförmig so aufzuschichten, dass sie gebrannt werden konnten. Dabei wurde dem Stein die Kohlensäure ausgetrieben, sodass er hochgradig durstig wurde nach Kohlensäure, denn austreiben lässt sich die Natur nicht. Wurde der Durst dann mit Wasser gelöscht, so gab es Aetzkalk, welcher mit saurem Sand vermengt den Mörtel ergab, und damit konnte dann fest gemauert werden, indem der Kalk im verbindenden Mörtel durch Aufnahme der Kohlensäure der Luft wieder zu Kalkstein wurde.

Cholblatz. Der unentbehrliche Schmied brauchte die Kohlen. Er durfte sie selber machen oder durch einen Kohler machen lassen, weit draussen vor dem Dorfetter. Dort wurden die hoch auf geschichteten Scheiter verkohlt, d.h. langsam und unvollständig verbrannt, indem der Holzhaufen mit Erde bedeckt und der Luftzug in diesem Kohlenmeiler sorgfältig
reguliert wurde. Später wurde der Cholblatz vom Morgehäldili ans Seeli rechts der Randeggerstrasse verlegt, wo noch vor 100 Jahren Kohlen gebrannt wurden.

Hier lässt sich auch der Name das Chloschter unterbringen. Ein Dorfteil dieses Namens findet sich in manchem Dorf, landauf, landab. Der Name wird meist mit der Zugehörigkeit zu einem benachbarten Kloster zusammenhängen. Dies trifft auch in unseren Falle zu. Das Frauenkloster St. Katharinental, 1242 eingerichtet und dem Predigerorden eingeordnet, erwarb sich bald ringsum viele Güter, so auch in Dörflingen. Es brachte ausserdem in verschiedenen Anläufen zwischen 1352 und 1465 zwei Drittel aller Zehnten in Dörflingen an sich. Den letzten Drittel hatte das Kloster Allerheiligen. Es ist wohl zu glauben, dass es den reformierten Dörflingern manchmal schwer fiel, jeden zehnten Schochen Heu und Emd, jede
zehnte Garbe Korn, jeden zehnten Eimer Wein den katholischen Frauen dort drüben ehrlich abzuliefern. Aber solche Unehrlichkeiten wurden extra strenge bestraft und die Klosterfrauen waren schnell dabei, sich direkt bei den gnädigen Herren in Zürich zu beklagen, die dann immer wieder, sicher mit Bedauern, ihren Untertanen zusprechen mussten, denn nach 1531 waren gegen 200 Jahre lang die Jesuiten und die Kapuziner fast Meister in Helvetien! -
Unten in der Brunngass fing ein zusammenhängender Teil des Klostergutes an, daher der Name für jenen Dorfteil.

Die Dorfwisen lagen ausgezeichnet als Weideland der Gemeindeherde und waren ungemein leicht zu bewässern. Sie sollten darum für immer Eigentum der Dorfgemeinde sein; doch schon frühe kamen Teile davon in Privathand. So verkauft 1385 der Untervogt Widmer an die Dominikaner in Konstanz u.a. "ain wisli in dorffwisen, stost an den wisweg". 1554 ist dasselbe Wieslein im Urbar des Predigergutes von Konstanz so angeführt: "Drei vierling undern Embdwisen, stossend an dorffweg, unden an eegraben". Und als im Frühjahr 1689 die Kirchenbaute in Stillstand geriet, nachdem das Geld für die verkauften Dorfwiesen ausgegeben war, da sagten sich die Herren von Zürich und Schaffhausen sowie die Frauen von Katharinental: "Jetzt müssen wir dran! sie haben getan was sie konnten!" - und schwungvoll ging dann der Bau zu Ende.

Die Emdwisen lagen wie die Dorfwiesen ausserhalb der Zelgenordnung unmittelbar unterhalb des Dorfes und hatten ihr besonderes Recht. Sie bildeten den breiten Wiesenstreifen zwischen Logweg und MüIiweg über den Dorfwiesen. Ihr Recht lief darauf hinaus, dass sie zwei Schnitte Heu und Emd hergeben mussten, bevor sie abgewendet wurden. Alle andern Wiesen gaben nur das Heu. Es gibt noch mehr solcher "Rechte" in der Welt!

Das Falletor gibt uns Anlass, durch dieses Tor einen Blick auf unsere Flur von einst und ihre Bewirtschaftung zu werfen. An den zwei Stellen, wo die ehemalige vielleicht 3 m breite Landstrasse Zürich - Ulm die Dörflinger Gemarkung oder Banngrenze schnitt, war ein Fallentor angebracht, ein an schrägstehendem Pfosten hängendes und darum von selber wieder zufallendes Gattertor, denn öffentlicher Weg musste offen bleiben. Das eine Tor in Richtung Randegg befand sich dort, wo es heute noch "zum Falletor" heisst, das andere an der Büsingergrenze im Schlattwinkel, wo auf der berühmten Gyger'schen Karte steht "Zum Fallenthor". Rings um die ganze Flur, d.h. um alles bebaute Feld lief ein starker Stangenzaun mit Weidengeflecht, der Marketter, ein Fridhag oder Ehfridhag, d.h. Rechtsschutzzaun. "Ussert dem gricht und etter syn" hiess beinahe so viel wie die morgenländische Redewendung "in der äussersten Finsternis sein, wo das Heulen und Zähneknirschen der Schakale und wilden Hunde daheim ist". Wo dieser Marketter nicht über bebautes Land lief, neben Gailinger und Büsinger Feld, sondern dem Waldrand entlang, da lag ein Streifen Landes, durchschnittlich vielleicht 15 m breit zwischen ihm und der Waldtraufe, das war ein Weideland wie der Wald selbst. Und wie um die ganze Flur, so lief auch um das Dorf ein solcher Ehfridhag, der Dorfetter, mit Gattertüren verschliessbar und "niemand soll usserhalb dieses etters hausen". Alles Land zwischen Dorf- und Marketter war, abgesehen vom Wiesland und den unbebaut liegenden Egarten, bleibend in 3 ungefähr gleich grosse und in sich möglichst zusammenhängende Abteilungen, genannt Zellen, eingeteilt, deren Bepflanzung nach strengem Flurzwang vor sich ging, d. h. alle Bauern mussten darauf dieselbe Frucht anpflanzen und zwar rechtzeitig und in gewisser Reihenfolge. Es wurden reihum im 1. Jahr in der Kornzelg Wintergetreide angebaut (d.h. Geträgede = was der Boden treit), in der Haberzelg die Sommerfrucht, Haber oder Gerste (Habermus und Roggenbrot statt Kaffi und Weggli). Im 3. Jahre lag die Zelg brach, d.h. sie wurde im Juni umgebrochen und blieb, abgesehen von der Abweidung, ungenutzt zu ihrer Erholung.

Seit Menschengedenken bestand dieser Dreizelgenbetrieb. Um ihn durchführen zu können, wurden die Zelgen gegen dem Rhein, hinter Hofen und gegen dem Riet durch feste Zäune aus Pfosten mit 2 Stangen und Weidenruten voneinander geschieden. Um sie passieren zu können, waren schmale Gatter angebracht. Es ist wohl klar, dass an dem Zustand und an der Respektierung dieser Zelgen - Ehfäden viel gelegen war.

Hierüber zu wachen, war beständig eine Hauptaufgabe der Gemeindebeamten. Die Nachlässigen starben nie aus, denen man durch Bussen Beine machen musste. Zeit und Ordnung inne zu halten, war umso notwendiger als es sozusagen keine Feldwege gab, sodass jeder in die Lage kam, immer wieder über der Nachbarn Feld fahren zu müssen. Die Anfangs- und Endtermine aller grossen "Kehren" wurden bekanntgegeben, so z.B. musste die Sommersaat bestellt sein zwischen S. Georgi und S. Walburgis, die Wintersaat zwischen Galli und Martini Tag, und sofort wurden die Zelgen eingefriedet und gebannt. Wer nicht dazu kam anzusäen, kam dann einfach auch nicht dazu zu ernten. Die Zelgenzäune sollten so hoch sein, dass sie einem ziemlichen Manne unter die Achseln gehen, und so stark, dass, wenn er darauf steht, sie nicht niederbrechen, und so dick, dass kein Schwein dadurch schliefen mag. Meinungsverschiedenheiten in diesen Punkten wurden durch die Bussen des Gemeindegerichtes aus der Welt geschafft. 3 Jahre sollte der Hag halten. Hieran knüpft sich folgende fröhliche Alterstabelle, die wir nicht ganz so gläubig hinnehmen werden, wie unsere Vorfahren getan. Ein Zaun währet 3 Jahre, ein Hund überwähret 3 Zäune, ein Pferd 3 Hunde, ein Mensch 3 Pferde, ein Esel 3 Menschen, eine wilde Gans 3 Esel, eine Krähe 3 wilde Gänse, ein Hirsch 3 Krähen, ein Rabe 3 Hirschen, ein Phönix 9 Raben. (Aufgabe für Kopfrechnen. Wie alt war also der fabelhafte Vogel Phönix im Lande Arabien, als er voriges Mal lebenssatt sich ins Feuer stürzte und darauf sogleich verjüngt sich aus der Asche wieder erhob?)

Durch das Falletor sehen wir gleichsam in eine 1000jährige Geschichte unseres Volkes hinein, etwa vom Jahr 800 - 1800. Vom massiven Marketter umschlossen lag ein ganz grosses System von hohen Zelgenzäunen, von Ehfridhägen und Ehgräben. Und wie die Dreifelderwirtschaft auf dem Land, so war die Zunftherrschaft und die Gnädigen - Herren - Wirtschaft in den Städten eine gesunde harte Schule, darin die Einzelnen des Volkes in Zwing und Bann, in Bevormundung und Gleichschaltung lernten, mit Selbstverständlichkeit sich den andern einzuordnen und dem Ganzen unterzuordnen. Erst ganz wenige Völker der Erde haben das gelernt, bei den meisten ist der Egoismus noch ganz unkultiviert. Unsere Gegenwart seit 100 Jahren ist ganz anders. Wir leben sozusagen ohne Zäune. Wir lieben jetzt die Freiheit nach jeder Richtung, die persönliche Selbstherrlichkeit sozusagen über alles. Es ist aber zunächst noch unsere Aufgabe zu beweisen, dass wir die Freiheit vertragen und ihrer wert seien. Wir sind ihrer wert, soviel wir aus Einsicht und mit freiem Willen uns dem jeweiligen Ganzen dienend einordnen und unsere privaten Interessen unbedingt den Interessen des Volksganzen unterordnen. Hier liegt der Unterschied zwischen den "wilden" Völkern und den andern!

 

 

 

Der Funktera ist das hohe Bort, von dem aus einst unser Dorf vom Grenzwall des Gailingerberges her die Schwesterdörfer in der Eidgenossenschaft drüben überm Rhein in festlichen Funketen grüsste. Was ist das für ein prächtiges lebendiges Wort für unsere Höhenfeuer: eine Funkete und Flammete! In neuerer Zeit, seitdem die Reben des Herebergs nicht mehr im Wege sind, brennen die Feuer auf einem der beiden Gipfel des Nacks, auf dem innern oder äussern Buck, wie man sich notdürftig ausdrückt, statt Schuelbuck und Gisbüel. Am Fasnachtssonntag, d.h. an der Bauernfasnacht, fahren die Schüler mit einem Handwagen von Haus zu Haus und erbitten und erhalten die Wellen und Holzburden, die sie zu ihrem Fasnachtsfeuer auftürmen, es bewundern, es umspringen und es umsingen. Es ist das Freudenfeuer der Jugend und bedeutet des Winters Ende! Seit 1891 sorgt die Gemeindebehörde dafür, dass die Gemeinde als selbstbewusstes und dankbares Glied einer freien Eidgenossenschaft mit einem flammenden Holzstoss, mit einer patriotischen Rede und mit Chorgesängen die Bundesfeier begehe. Da der Funktera hiefür abgelegen wäre, so lässt man auch dieses vaterländische Freudenfeuer auf dem Nack lodern.

Gmandszilete, d.h. eine Zeilenziehung durch Gemeindebeschluss zum Zweck der Innehaltung einer klaren geraden Linie.

Haselrichti, 1554: "in der haselrichtin", d. h. dort, wo man den Haselstauden eine gerade Grenzlinie gezogen hat.

Der Garten, 1554: "der Gart". Das ist ein vornehmes uraltes Wort. Eine Garde ist eine erlesene Schutzwache; Stutgart bedeutet einen festen Hof für edles Gestüt und Hildegard hiess: Du sollst deinen Kindern sein wie eine schützende Mauer im Kampf (Hilde). Rechtlich bedeutet der Gart ein Stück Land, das durch einen Fridhag abgesondert und von rechtswegen geschützt ist. Zu jeder Hofraitin im Dorf gehörte ein Kraut- und ein Baumgarten, alles von einem Hag umgeben. Ein Garten stand nicht unter Flurzwang, brauchte keinen Zehnten zu entrichten, durfte aber auch nur gartenmässig, d.h. mit Haue und Karst bebaut werden. Unsere Flur "im Garten" oder, wie man jetzt zu sagen beliebt, "im Gärtli" ist jedem Wissenden besonders wert, denn hier begann unser Dorf zu werden.

Der "Yfang" ist ebenfalls ein eingehegter Platz entweder in der Brachzelg oder wie hier neben dem Wiesland, reserviert für den Anbau von Bohnen und Erbsen. Mit Respekt schauen wir heute über das grosse Stück Land hin, das jahrhunderte lang die Dörflinger Jugend mit Bohnenmus versorgt hat. Tiefer nahrhafter Alluvialboden ist dort und dazu reichliche Bodenfeuchte.

Gleich oberhalb des Yfangs liegen unsere Hanfpünten, 1936 noch ihrer 13 Gärtli, natürlich einst von gemeinsamem Hag umgeben. So vermochten dann die Hausfrauen ihre Hanf- und ihre Bohnengärtli auf dem gleichen Gang zu besorgen und zugleich auch die Freundschaft mit ihresgleichen zu pflegen.

Unsere Pünt endlich, 1554: in der Pünt, ist eine grosse Flur. Sie heisst so, wahrscheinlich weil dort, wo es heute noch in den Hanfpünten heisst, oberhalb der Püntwiesen die ersten Pünten auf unserm Boden angelegt wurden. Davon erhielt zuerst das Haus an der Strasse, wohl das erste Haus, das ausserhalb des Dorfetters erbaut worden, den Namen die Pünt, und endlich das ganze Revier mit Püntacker und -reben und -wiesen. Eine Bunte oder Beunde oder, wie wir sagen, Pünt ist ein rechtlich eingebundenes d.h. eingezäuntes Grundstück, das dem Zelgenzwang entzogen ist und Gartenrecht hat.

Der Roossacker, d.i. der Acker im Logweg und längs Bach und Müliweier, in den wahrscheinlich durch Servitut eine Reihe von 2 x 3 m grossen viereckigen Wasserlöchern gegraben war, darin Hanf und Flachs geroosset wurden. Der Name erinnert an die ehrwürdige Sorge und Arbeit, die sich die Hausmütter von ferner Vorzeit her bis vor etwa 70 Jahren machten, um ihr ganzes Haus so kleiden zu können, wie sich's gehörte. Es handelte sich für sie darum, die Bastfasern des Hanfs, wie des Flachses zu gewinnen, denn daraus wob ihnen der Weber die Zeuge, die sie schliesslich mit Schere und Nadel zu Kleidungsstücken verarbeiteten. Es war eine lange Reihe von Arbeiten, die alle zur rechten Zeit und auf die rechte Art getan sein wollten, um zum erwünschten Ziel zu führen. In die Roossen wurden die ausgerissenen Pflanzenstengel gelegt, bis die Bastfasern von den Stengeln und unter sich sich lösten, dann wurde getrocknet, gebrochen, gehächelt, gesponnen, gewoben, bis schliesslich der grobe ungebleichte Zwilch zu währschaften Hosen und das feine glänzende Linnen zu weichen Hemden geriet. Oh ja, sie regten ohne Ende die fleissigen Hände und mehrten den Gewinn mit ordnendem Sinn und drehten um schnurrende Spindeln den Faden und füllten mit Schätzen die duftenden Laden und fügten zum Guten den Glanz und den Schimmer und ruhten nimmer, ruhten nimmer, ruhten nimmer!

Die Malehe, d.h. das Mannlehen. Das Lehenwesen, darauf die politische, wirtschaftliche und soziale Ordnung des mittelalterlichen Lebens ruhte, war ein kompliziertes System von Rechten und Pflichten. Sein Grundgedanke und Ausgangspunkt war sehr einfach: Gott hat dem Kaiser das Reich als Lehen übergeben, ihm geliehen, der Kaiser hat darauf die Fürsten belehnt, die Fürsten darauf die Grafen u.s.f. durch das ganze Reich hinunter bis zum kleinen Grundherrn, der dem kleinen Bauern seine paar Aeckerlein leiht. Als Leistung für das empfangene Lehen war ursprünglich der Dienst des Mannes gedacht, besonders der Dienst mit Schwert und Schild. Solches Lehen hiess das rechte oder das ritterliche oder das Mannlehen. Je länger, desto mehr wurde aber der Dienst des Mannes mit Schwert und Schild überflüssig und unmöglich und schliesslich vom 13, Jahrhundert an wurde für das Lehen allgemein einfach ein Zins gegeben in Früchten oder in Geld. Das Lehen wurde zum bürgerlichen und bäuerlichen Zinslosen.

Unser Malehe, unrichtig die Malehe genannt, eine umfangreiche gute Flur überm Bregenzebuck, wurde ganz ausnahmsweise bis in die neue Zeit als zinsfreies wirkliches Mannlehen vergeben. Warum das? Warum ist durch Jahrhunderte hindurch diese Flur mit dem Servitut ausgezeichnet geblieben, dass sie nur als zinsfreies ritterliches Mannlehen verliehen werden dürfe? Der Marchstein dieser Flur, in welchem die Banngrenze von der Judenstrasse plötzlich im rechten Winkel gegen die Rodertann hinauf sich wendet, weist uns auf die Spur. Er heisst in allen Marchbeschreibungen "unter Syfrit". Aha, jener Freiherr von Tengen vom Jahr 1311 hat das so gewollt, als er seinen Liebling, den jungen adeligen Dörflinger mit dieser Flur ritterlich belehnte! Und es ist wirklich dabei geblieben, bis Schultheiss und Rat der Stadt Diessenhofen als Rechtsnachfolger jenes Freiherrn zum letzten Mal das Malehe am 27. November 1786 dem Vogtssohn Jakob Sigg in Dörflingen unter feierlichen Worten und Geberden zu einem rechten stäten Mannlehen verlieh. Dieselbe Behörde hatte übrigens noch ein anderes Mannlehen auf Dörflinger Boden zu vergeben, nämlich 1 Mahd Wiesen im kalten Wislin und 3 Juchart Acker am Büetinger Weg. Sie verlieh diese am 9. Dezember 1777 "auf gehorsames Bitten des ehr- und nammhaften Caspar Huber, Vogt zu Dörflingen," an die dortige Gemeinde und er gelobte dabei an Eidesstatt, alles zu tun, was ein treuer Lehenmann nach Mannlehen - Recht seinem Lehen - Herrn zu tun pflichtig ist.

 

Die Widem, 1554: die widumb, das ist der Grundbesitz, der der Errichtung und dem Bestand einer Kirche gewidmet ist. Im 14. Jahrhundert war es ein Kapellengütlein, für das der Widmer jährlich 1 Gulden Geld und 1 Mutt Kernen entrichtete. Im 15. Jahrhundert umfasste die Widem ausser jenem Gütlein schon 23 Grundstücke und der Widmer, Hans Schütz der alt, entrichtete im Jahre 1489 an das Kloster Allerheiligen 1 Mutt Kernen, 2 Mutt Roggen, 1 Malter Haber, 10 Schilling, dazu 50 Eier, 2 Herbst- und 1 Fastnachtshuhn. (Die Widem von Buch ertrug zur gleichen Zeit 4 Mutt Kernen, 5 Mutt Roggen, 2 Malter Haber u.s.f.) Im 16. Jahrhundert war ein Erblehenhof daraus geworden, für den Haini Sigg und Conrad Huber im Jahre 1547 4 Mutt Kernen, 2 Malter Haber, 4 Gulden als Grundzins entrichteten, dazu den 3. Eimer in der Trotte unter der Renne in der Kilchen Vass. Die Widem war schon eine richtige halbe Hube geworden. Unterdess hatten die Dörflinger sich der Zürcher Reformation angeschlossen und waren in Büsingen - Buchthalen eingepfarrt worden. 1646 / 1651 schufen die Städte Zürich und Schaffhausen mit vereinten Kräften die Pfarrei Dörflingen, an die die Widem ihren Beitrag leistete. Im 18. Jahrhundert wurde sie allmählich versilbert, d.h. in zinstragendes Kapital verwandelt.

Der Ruebank. Die Vorfahren pflanzten ihre Gemüse lange Zeit im Weier, vielleicht in der Meinung, der schwarze Moorboden sei der beste, vielleicht auch weil sonst nichts Rechts darauf wachsen wollte. Jedenfalls machten sie sich bei dieser Gärtnerei sehr viel Mühe damit, dass sie den "buw" dort hinauftragen mussten, die Frauen auf dem Kopf, die Männer auf dem Rücken. Damit sie bei diesem bösen Geschäft einmal anstellen konnten, war halbwegs hinter dem Zwiegarten und vor dem letzten Anstieg des Weges eine Art Bank errichtet, ein solides Brett in Kopfhöhe für die Gelten und in Sitzhöhe für die Bücki. Das war der erste Ruhebank, ein zweiter stand auf der Höhe des Weges und eine dritter weiter hinten am Wald. Als ein Ruebank für die Gelten und die Bücki? Jawohl, so hart waren die Alten gegen sich selber. Sie setzten sich selber aber gelegentlich gewiss auch darauf, sogar wenn sie nicht gerade auf dem Weg vom und zum Weier waren. Sollte man nicht heute da und dort eine Ruebank aufstellen, damit die Heutigen, die es meist pressant haben, zum Ausruhen und Sich - besinnen und zum ruhigen Geniessen der schönen freien Natur verfährt würden? Der Gemeinnützige Verein Dörflingen hat einmal angefangen, warum nicht weiterfahren damit?

Der Schueppis, 1554: schupis. Das Wort scuopossa soll keltisch - Helvetisch sein und Bauernhütte bedeuten. Schriftdeutsch lautet das Wort Schuposse und bezeichnet ein kleineres Bauerngut. Zu einer Hube mit dem Hof eines Bauern gehörten 30 bis 40 und mehr Jucharten, das Mass war verschieden nach Ort und Zeit. 1/3 oder 1/4 einer Hube reichten zu einer Schuposse, recht für einen kleinen Bauer oder Häusler oder Hintersäss. Dass unter den Hintersässen in den Schupossen sich gelegentlich die interessantesten Nummern befinden, dafür liefert unser Schueppis ein Beispiel. Im Jahre 1846 liess sich ein 26jähriger Zeugschmied aus Schaffhausen darin nieder, nicht um Bauer zu werden, wohl aber um zu sehen, wie's die Bauern machen und wie es wäre, wenn er Rittergutsbesitzer würde. Das Jahr darauf studierte er wieder etwas anderes und wieder ein Jahr darauf, anno 1848, als das Vaterland aus einem altmodischen lahmen Staatenbund ein zukunftsfroher mutiger Bundesstaat wurde, war es dem jungen Politiker, als lebte er im Jubeljahr. Nun hatte er seinen Beruf gefunden! Zum Ueberfluss kam in diesem Jahr 1848 sein Vetter, Heinrich Moser, als reicher Mann und unersättlicher Arbeiter aus Petersburg nach Schaffhausen zurück, und der ehemalige Schueppisbauer half ihm die Schaffhauser auf die Beine und die Industrie mit Pferdekräften aus dem Wasserwerk (er hat wohl selber dieses ahnungsvolle Wort geschaffen?) in Gang zu bringen. Von da an blieb er in Schaffhausen als ein Führer zu allem, was man Fortschritt nannte, und wurde der erste Direktor der Wasserwerkgesellschaft und der erste Direktor der Dampfboot - Gesellschaft, der wohlbekannte verdiente Regierungsrat Moser - Ott und starb 92jährig im Jahre 1911.

Zehtfrei. Seit Karl dem Grossen, gest. 814, dem grossen Erzieher der Völker, lag auf allem bebauten Land die Zehentpflicht, d.h. die zehnte Garbe, der zehnte Schochen usw, gehörten dem Bischof und dem Priester und dem Kirchenhaus und den Armen. Die Meinung dabei war, dass der zehnte Teil alles Arbeitsertrages der Wissenschaft und Kunst, der ReIigion und Sitte und der Wohltätigkeit gewidmet sein solle. Aber mit der Zeit wurde der Zehntbrief einfach ein Wertpapier, das vielfach von Hand zu Hand ging und ganz anderen Zwecken diente. Frei von dieser Abgabe waren nur die Widem, die Gärten und dgl. und ausnahmsweise etwas "aus Gnaden". Unser Zehntfrei ist ein solches Stück Land, aus Gnaden frei von der Zehntpflicht. Von einem andern zehntfreien Stück Land hören wir aus dem Jahre 1674. Da bewilligte der Rat von Schaffhausen dem Klosterpfleger Wepfer von Allerheiligen, der wie andere sein übriges Geld in Landbesitz anlegte, dass er aus 5 Vierling Ackerland im Ruchenbühl auf dem Gailinger Feld Reben mache und einen Hag darum ziehe. Wepfer hatte dartun können, dass das auch für das Kloster vorteilhaft wäre und dass die Gemeinde Dörflingen damit einverstanden sei, obwohl sie grossen Mangel an Weideland habe. Das betr. Stück Land sei von Natur rauh und wüst und sei oft zum Verlochen von Vieh gebraucht worden. Der Ratsbeschluss lautete, er und seine Nachkommen sollen diese Reben ruwiglich inne haben und besitzen und bewerben und zwar zehentfrei.

Der Zwiegarten, 1554: der zwygarte, eine mad wisen hinder hofen. Es ist ein Baumgarten, darin Obstbäume veredelt wurden, also unser Denkmal einer grossen Kulturerrungenschaft. Es war damit etwa so: Unter den Bauern war einer, der ein scharfes Auge besass, nicht bloss für die Menge, sondern noch mehr die Güte, für die Qualität der Früchte des Feldes und der mit diesem Auge gerne sah, wie andere anderwärts es trieben. Auf diese Weise war die Leidenschaft in ihn gefahren, aus Holzäpfeln und Holzbirnen etwas besseres zu machen, und für diesen Zweck war seine Wiese wie geschaffen. Er machte daraus mit Fleiss und Sorgfalt einen vielbewunderten Baumgarten, indem er sich von auswärts Pfropfreiser verschaffte und die Wildlinge eigenhändig durch Zweien veredelte. Mit Staunen und Stolz nannten die Dorfgenossen den Baumgarten den Zwiegarten. Stehen nicht heut, 400 Jahre später, die schönsten Obstbäume des Dorfes dort oben? Dass übrigens die Obstkultur an und für sich damals keineswegs in den ersten Anfängen stand, beweist die Tatsache, dass schon im Jahre 1561 für Hessenland und Sachsenland ein Verzeichnis von 31 verschiedenen Apfelsorten mit deutschen Namen erschienen ist.

Im Zwing, 1554: "ein juchart holz hinderm zwing und drei Vierling acker hinderm zwing". Das Zwing ist ein Einfang, ein gesetzlich genehmigte Einfriedigung, die etwas schützend zusammenhält und zusammenzwingt wie eine Zwinge das Stockende. Unser Zwing sollte schützend beisammenhalten dort weit draussen, wo sogleich der Wald beginnt, wo gefährlich nahe oben an der Gemeindshalde die Grenze liegt, wo unmittelbar daneben ein Fahrweg die Rinharter oder Taiginger Steig hinaufführt. (Eine Lohringer Stag wird in einer Thäinger Marchenbereinigung von 1724 zum ersten Mal erwähnt; es ist ein neuerer Name, mit dein Diessenhofer und Thäinger Personennamen Lory, d.h. Lorenz, zusammenhängend.) Unser Zwing ist nicht gross, man könnte es sehr wohl Zwingli nennen, und dann hätten wir daran eine Erinnerung an einen der besten Schweizer und besten Menschen, der seinen Namen von einem hochgelegenen kleinen Alphof "Zwingli" her hat.

Ein kurzes Wort Ulrich Zwinglis, der selber von vielen Vorfahren her ein echtester aufrechter und freier Schweizerbauer war, mache nun den Schluss. "Von je Welten her ist Frid am wertesten und Tugend am meisten gewachsen by denen, die das Erdrych buwend und sust Liebe zue zimmlicher Arbeyt gwünnend." Er hat recht, und möge es immer so bleiben!