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Von den Namen überhaupt

Als in seiner langen Werdezeit der Mensch einmal anfing, den Dingen um ihn her Namen zu geben, damit sie für ihn und andere gekennzeichnet seien, so fing er eben damit an zu sprechen. Die Namen sind das älteste Sprachgut in jeder Sprache. Und als wir in unserem 2. Lebensjahr anfingen, die Menschen und Dinge unserer Umgebung zu benennen, fingen wir eben an zu sprechen, und mit der Namengebung und Benennung bemächtigen wir uns geistigerweise der Dinge. Mit 4 Jahren sahen wir uns als kleine Eroberer inmitten einer engbegrenzten Welt, von der wir mit Wonne das Gefühl hatten, dass sie auf eine Art uns gehöre, und mit 8 Jahren freuten wir uns jeden Morgen unbewusst darauf, im Verlauf des Heute den Bereich unserer Welt uns zu sichern und zu erweitern durch Erkennungen und Benennungen. Und diese Freude wurde uns so zur Gewohnheit, dass uns doch mit 80 Jahren ebenso zumute ist und mit dem Erkennen- und Benennenwollen, mit Begreifen- und Erfassenwollen, mit dem Erobernwollen sind wir noch keineswegs am Ende. Die Welt ist niemals und nirgends ein Strumpf.

In ferner Frühzeit waren unsere Vorfahren noch recht wortarm und deshalb schweigsam; aber in wenig Worten war viel Meinung und hinter jedem Namen war ?viel dahinter?. Heutzutage liegt die Sache anders. Wir haben es von klein auf unmässig viel mit Worten zu tun und sehr oft ist sozusagen gar nichts dahinter und viele Namen unentbehrlicher und geliebter Menschen und Dinge scheinen uns willkürliche sinnleere Wörter zu sein. Frägt man einen muntern Knaben nach Sinn und Herkunft seines Vornamens und Familiennamens, so antwortet er lachend: Hä, da sind halt eso Näme! d.h. da ist weiter nichts dahinter!

Eso Näme ? das dürften die Namen, die zu unserer Heimat gehören, für uns nicht sein! Das Tal und Dorf der Heimat, darin das elterliche Haus und sein Garten, und die Nachbarhäuser mit ihrer Umgebung, und deren Bewohner, junge und alte, von der Jugend bis ins Alter, und dann die viele grosse, die endlose liebe Arbeit, die uns mit der Sonne immer im Kreise herum durch die Jahre getrieben hat und uns in unabänderlichem Einerlei und doch in stetem Wechsel zugleich auf unsere schmalen oder breiten Aecker und Wiesen gegen den Rhein hinüber oder gegen das Riet heraus oder an den Berg hinauf führte ? welch eine Fülle von Namen rufen diese Erinnerungsbilder aus dem Gedächtnis herauf! Namen sind es, die die heimatlichen Erinnerungen tragen ? auf den Namen ruht unser Heimatgefühl!

Indem diese Namen alle nach ihrer Herkunft und ihrem Sinn klar werden und indem damit auch die Geschichte unserer Heimatflur samt all ihrem Leben als ein interessantestes und geliebtestes Stück Vergangenheit sich für uns in die Geschichte von Vaterland und Welt überhaupt einfügt, so wird damit unser Heimatgefühl, das einen wichtigen grundlegenden Bestandteil unseres Gefühlslebens bildet, aufgehellt und durchgeistigt und damit werden wir selber mit etwas mehr Recht als zuvor uns für vernünftinge Wesen halten dürfen. Menschwerdung! das ist die Losung auch da.

So ist dies Büchlein von den Dörflinger Namen gemeint.